Mittwoch, 11. Juni 2025

Mittwoch, 11. Juni München - San Francisco

Es ist noch stockfinster, als unsere Handywecker läuten. Vier Uhr erschien uns gestern Abend als vernünftige Weckzeit mit ausreichendem Puffer, immerhin geht unser Flug nach Frankfurt schon um Sieben.
"Wo sind wir?" Oskar braucht einige Augenblicke, um sich zu orientieren. Berechtigte Frage: Wir beginnen den Tag in einem Hotel in Hallbergmoos, zehn Minuten vom Münchener Flughafen entfernt. Dort haben wir uns für die kurze Nacht einquartiert, um nicht noch viel früher von daheim losfahren zu müssen. Um es noch bequemer zu haben, sind die Koffer schon eingecheckt; Vorabend-CheckIn geht zum Glück auch bei Flügen nach Amerika.
Unser Handgepäck ist daher nun schnell gepackt, ein wenig Obst muss erstmal als Frühstück reichen.
Lohnt sich die Hotelübernachtung am Vorabend eines frühen Fluges? Susanne und Oskar haben zumindest phasenweise die Augen zugemacht, ich für meinen Teil denke, es ist egal, wo ich vor Aufregung nicht schlafen kann...
Der Flughafen ist um dreiviertel fünf schon aus der Nachtruhe erwacht,  auf dem Zubringer sind fast so viele Autos unterwegs wie untertags. Ich setze Susanne und Oskar vor dem Terminal ab und fahre den Golf zu einem der neuen großen Parkhäuser am Besucherpark. Zurück zum Terminal mit dem Bus, ein inzwischen eingeübtes Procedere.
An der Sicherheitskontrolle gibt es keinen Stau. Während wir noch kurz überlegen, dass Oskar am Besten zwischen uns in die Kontrolle geht, tritt unser kleiner Mann zu unserer Überraschung völlig selbstbewusst als erster in den automatischen Scanner, stellt die Füße auf die Markierung, hält die Hände richtig und grinst übers ganze Gesicht, als die Signallampe grünes Licht zeigt. Von den Sicherheitsleuten bekommt er ein großes Lob: "Das hast du schon oft gemacht, oder?" Noch breiteres Lächeln: "Ja. Schon oft!"
Nach Frankfurt bringt uns ein älterer A320 mit dem Taufnamen "Norderstedt", zum ersten Mal fliegen wir mit einem Flugzeug, das benannt ist nach einer Stadt, in der einer von uns schon gewohnt hat, in diesem Fall Susanne. Der Flug ist nur ein kurzer Hüpfer, der mit einer ein wenig brachialen Landung endet. Auf einer Vorfeldposition angekommen verlassen wir das Flugzeug, zwei bereits wartende Busse bringen uns zum Terminal. Wie jedes Mal empfinden wir den Frankfurter Flughafen als deutlichen Kontrast zu München: Alles ist zwar viel größer und mit viel mehr Betrieb, dabei aber kleinräumiger und unübersichtlicher gestaltet, mit dem immensen Passagierwachstum nur mit Mühe Schritt haltend. Jedoch ist alles bestens beschildert und wir kommen gut durch die hin und her fließenden Menschenmassen. 
Der Weg zu den Gates im Bereich Z führt für Reisende in die USA durch die obligatorische und wie immer unfreundliche Dokumenten-Vorprüfung durch amerikanische Offizielle, ob die Reisepässe und unsere ESTA-Visa gültig sind. Dass sich allerdings die Schlange zu dieser Kontrolle durch einen der sowieso schon engen und hoch frequentierten Korridore zwängen muss, ist eines Weltflughafens unwürdig. Das muss auch anders zu organisieren sein. Zu wenig Platz darf dabei kein Argument sein, wenn man kurz darauf Raumkapazitäten für einen riesigen Duty Free Shop hat.
Wir stellen uns ganz pragmatisch in der deutlich kürzeren Schlange für Reisende der Business Class an, verlieren die hier gewonnenen Minuten jedoch wieder bei der Ausreisekontrolle der Bundespolizei, da Kinder unter zwölf Jahren die praktischen Automaten nicht nutzen dürfen.
Dann sind wir endlich im Langstrecken-Concourse des Terminals angekommen, und am vorletzten Gate dieses viele hundert Meter langen Bauwerks wartet die Boeing 747-8 D-ABYF "Sachsen-Anhalt" auf uns. Bis zum Boarding ist noch ein wenig Zeit, so können Oskar und ich den Jumbos zuschauen, die Lufthansa vor dem Fenster vorbeirollen lässt. 
Als Familie dürfen wir als erstes an Bord, zusammen mit den VIPs und Vielfliegern, dann trennen wir uns: Meine Beiden fliegen Premium Economy, damit Susanne möglichst entspannt reisen kann, immerhin wird sie ab übermorgen unser Auto fahren; ich habe der besseren Aussicht wegen einen Platz ganz hinten gebucht.
Das Flugzeug ist zumindest in der Economy zu höchstens 90 Prozent belegt, und auch vorne ist wohl noch Platz, denn es wurden am Gate kostenpflichtige Spontan- Upgrades in die besseren Klassen angeboten. Bei mir bleibt der Mittelsitz frei, was das Reisen in der Holzklasse deutlich bequemer macht. Auffällig ist, wie wenig Deutsche in der Maschine sitzen, hier spiegelt sich wohl tatsächlich ein in diesem Jahr geändertes Reiseverhalten angesichts besonderer politischer Umstände wider.
Wir legen pünktlich ab und rollen zum Start zur Bahn 07 Center; inzwischen hat also der Wind gedreht, denn gelandet sind wir noch in der Gegenrichtung. Vor uns sind laut Flightradar24 noch zwei betagte Lufthansa-Maschinen dran, ein A340 nach Dallas und ein A330 nach Atlanta, dann können auch wir die lange Startbahn hinunterrollen. Der Jumbo braucht fast die ganze Piste, bis er endlich abhebt.
Unsere Flugroute führt uns zu meiner Freude genau über Düsseldorf und danach über das Ijsselmeer und die Dünen der Holländischen Küste.Über der Nordsee schließt sich dann die Wolkendecke, die nur über Island und ganz kurz über Grönland ein paar Blicke auf Gletscherlandschaften und Eisberge ermöglicht.
Die nun folgenden Wolken sind merkwürdig konturlos, es wirkt als würden wir in der Luft stillstehen. Nur die im Display zu sehende Karte zeigt, dass wir Grönland und den Nordatlantik überfliegen.
Dann ist das arktische Kanada unter uns zu sehen, eine noch von viel Eis und Schnee bedeckte Seenreiche Unendlichkeit ohne jede Spur menschlicher Aktivität. Stunden später werden aus dem wilden Land erst die streng geometrischen Strukturen ausgedehnter Getreidefelder, dann die endlosen Bergketten der Rocky Mountains.
Als wir endgültig nach Süden drehen, kann man die Vulkane der Cascade Volcanoes erkennen. Hoffentlich haben wir diese auch so gut im Blick, wenn wir in einigen Wochen dort vorbeikommen.
Beim Landeanflug hemmt dann der übliche Nebel die Sicht auf die Stadt und wie bei unseren bisherigen Besuchen auch wieder auf die Golden Gate Bridge. Wir kommen wie beim letzten Mal von Süden herein, über der San Mateo-Brücke ist die Sicht dann wieder klarer. Bei fahlem Sonnenschein setzen wir nach elf Stunden auf der Bahn  28L auf. 
Nun heißt es, Geduld zu haben. Wir seinen pünktlich gelandet, meldet sich der Kapitän über Lautsprecher, aber unsere Parkposition sei noch besetzt. Also müssen wir noch zehn Minuten warten, bis wir weiterrollen können, und noch eine weitere Viertelstunde, bis wir endlich aufstehen können.
Die Lufthansa gibt eine ordentliche Performance. Das Essen ist in beiden Klassen richtig lecker, zu Trinken gibt es reichlich und die Flugbegleiter sind aufmerksam und freundlich. Einziger Schwachpunkt war das defekte Inboard Entertainment auf meinem Platz; mit einem Jack Reacher-Roman hatte ich jedoch eine gute Alternative zur Hand.
Oskar hingegen hat viel Spaß mit dem Kinderprogramm und unterhält mit seinem fröhlichen Lachen bei "Madagaskar" seine toleranten Sitznachbarn. Er genießt den Flug in vollen Zügen, von seiner früheren Reserviertheit vor allem beim Start ist nichts mehr zu spüren.
Nach Verlassen des Jumbos steigt für uns ein wenig die Spannung: In den letzten Wochen gab es doch allerlei Panik-Berichte dramatisch verschärfte Einreisekontrollen und über nicht genehmigte Einreisen in die USA. Wir haben der gehypten Dramatik bislang keinen Glauben geschenkt, nun kommt der Moment der Wahrheit.
Zunächst stehen wir eine gute halbe Stunde bei der Immigration an, da es heute keinen Kinderbonus gibt, der uns vor zwei Jahren elegant an die Spitze der Schlange brachte. Die Befragung empfinden wir dann in der Tat eindringlicher als früher. Wir müssen der Beamtin recht detailliert Auskunft geben, was wir vorhaben während unseres Aufenthaltes, sie fragt nach, ob wir einen Plan unserer Rundreise zeigen können, ob wir bereits gebuchte Tickets vorweisen können und welche Bundesstaaten wir bereisen wollen. Der Stil ist jedoch freundlich-professionell, sie findet keine Ungereimtheiten in unseren Antworten und wir dürfen einreisen.
Mit einem UBER-Taxi fahren wir in das uns schon bekannte Hotel in San Bruno. Dort fallen uns die Augen zu. Es ist zwar erst mitten am Tag und die Vernunft warnt, dass uns das in der Nacht einholen wird, aber wir kapitulieren. Als wir um 21 Uhr noch einmal wach werden, raffe ich mich auf und versorge uns im Liquor Store gegenüber mit Trinkbarem. Dann ist Sendeschluss.

Samstag, 13. Juli 2025 Suisun City CA - San Francisco Airport CA

Der letzte Morgen in Amerika. Wir können kaum glauben, dass diese phantastische Reise heute zu Ende geht. Und wie schnell die Zeit vergangen...