Dienstag, 24. Juni 2025

Freitag, 20. Juni 2025 Absaroka Mountain Lodge WY - Greybull WY

Haben wir gestern noch in der wohl schlechtesten Unterkunft unserer bisherigen USA-Reisen genächtigt, gehört die Blockhütte der heutigen Nacht  zu den Besten. Es stimmte alles, völlige Ruhe außer dem Rauschen des Baches, bequeme Betten,  es war kühl aber nicht kalt, und in der gemütlichen Holzhütte kann man sich nur Wohlfühlen. Oskar ist ein wenig enttäuscht, dass er weder beim Schlafengehen noch beim Wachwerden draußen einen Bären sehen konnte. Wir haben da eher gemischte Gefühle, so einem ausgewachsenen Grizzly möchte man eher nicht begegnen, allenfalls fotogen auf Distanz.
Da uns das Abendessen gestern so gut geschmeckt und auch das Ambiente absolut stimmig war, frühstücken wir heute auch dort. Und es passt wieder alles: Lecker fluffige Pancakes, ein Omelette zum Niederknien, ein Spiegelei für Oskar, und wieder diese lässige unaufgezwungene  Freundlichkeit, die man wohl nur in Amerika erlebt. Warum gibt es diese lockere Art so wenig bei uns? Wir fühlen uns jedenfalls so richtig wohl. 
Dann kommt der Koch John noch extra aus der Küche und hat sein Handy in der Hand. Weil Oskar ihn gestern nicht verstanden hat, hat er das, was er ihm gesagt hat, im Google-Übersetzer vorbereitet und spielt es nun extra für ihn auf Deutsch ab: "Ich freue mich, dass ihr bei uns zu Gast seid, und wünsche Euch einen phantastischen Tag." 
Beim Abschied - und nach der Rückgabe des unbenutzten Bärensprays und dem Matt gegebenen Versprechen, beim nächsten Urlaub in Wyoming wieder herzukommen - sind wir nicht wenig gerührt. Manchmal fährt man von einer Unterkunft mit großem Widerwillen los, weil es einfach schön war und dazu noch dieses Gefühl des Glücks, dass dieser Aufenthalt etwas wirklich Unvergessliches war.
Wir verabschieden uns ebenso noch von John. Oskar klopft an die Küchentür und wir kommen nochmal kurz ins Gespräch mit ihm. Wir sitzen dann schon im Auto und wollen starten, da kommt John nochmals herangelaufen und reicht Oskar etwas durch Autofenster: "This is for you." Es ist ein T-Shirt der Lodge, mit großem Aufdruck "Absaroka Mountain Lodge". Was für eine Überraschung. Und welche Ehre. Wir haben wohl genau das, was wir für diesen Ort und die Menschen empfunden haben, nach außen gezeigt.
Heute steht ein Fahr-Tag an, aber ein ganz besonderer. Unsere nächste Unterkunft in Greybull ist nur 93 Meilen entfernt, wir werden jedoch 298 Meilen brauchen und dabei einen für uns schönsten Pässe der USA befahren.
Zunächst folgen wir dem Shoshone River durch sein malerisches Tal flussabwärts, passieren den ausgedehnten Buffalo Bill-Stausee und gelangen schließlich nach Cody, direkt vor den Bergen in der Prärie gelegen. Hier tanken wir sicherheitshalber - wer weiß, wann die nächste Tankstelle kommt - und verproviantieren uns bei WALMART. Bei der Durchfahrt durch Cody sehen wir eine typische Kleinstadt des Mittleren Westens, wie man sie sich vorstellt: Ein wenig Western-Architektur entlang der Main Street, einen großräumigen Waffenladen mit Discount-Angeboten und ein Rodeo-Stadion, hier in der Buffalo Bill-Stadt Cody, "The Rodeo Capital of the World", natürlich eine Arena mit großen Tribünen.
Direkt jenseits der Stadtgrenze wird es wieder beschaulich. Dichte Wolken, die bereits beim Losfahren an der Lodge den Himmel eingetrübt hatten, haben uns zwischenzeitlich eingeholt. Es bleibt aber trocken, und bald kommt auch wieder die Sonne durch.
Der nun folgende Wyoming Highway 296 heißt auch Chief Joseph Scenic Byway. Er ist benannt nach Häuptling Joseph, dem Anführer des Stammes der Nez Perce und zeichnet den Weg nach, den sein Volk 1877 bei seinem letztendlich vergeblichen Fluchtversuch nach Kanada nahm.
Die Straße zeigt uns die volle Schönheit Wyomings. Die Landschaft ist atemberaubend. Ständig verändert sich das Bild, mit weiten Ausblicken und rauem Gelände, dazwischen grüne Waldstücke und saftige Wiesen, im Hintergrund stets schneebedeckte hohe Berge. Dazu herrscht hier kaum Verkehr, vor allem Gruppen von Motorradfahrern und ab und an ein paar Lastwagen sind hier unterwegs.
Höhepunkt dieser Route ist der Dead Indian Pass auf 2.460 m Höhe, zu dem sich die Straße in weiten Bögen hinaufwindet. Das Panorama oben ist unvergleichlich, grandiose Berglandschaft ringsum überragt grüne Hügel und schroffe Täler.
So genial die Wyoming 296 auch ist, sie ist letztendlich nur die Ouvertüre zu einer noch grandioseren Straße, denn sie mündet ein in den Beartooth Highway, eine Bergstraße der Superlative. In vielen Kurven und Kehren geht es ab jetzt hinauf ins Gebirge.
Jenseits der Baumgrenze wird die Straße immer schmaler, wir sind froh, hier nicht mit dem Wohnmobil unterwegs zu sein. In den Senken stehen noch die Wände aus Schnee; erst vor wenigen Wochen wurde die Straße hier hindurchgefräst und befahrbar gemacht. 
Oben an der Passhöhe auf 3.336 m ist die Umgebung hochalpin. Der Wind pfeift kühl und heftig, Schnee allerorten. Auf den gerade erst abgetauten Flächen ist noch kaum Grün zu erkennen, Schneewächten kleben an den Graten, eine Schneefräse steht bereit, um bei nochmaligem Schneefall eingreifen zu können. Hier ist der Autofahrer nur zu Gast, in der Zeit von Ende Mai bis Oktober. 
Die Aussicht von hier oben ist natürlich sagenhaft, wir sind ja fast gleichauf mit den Bergen ringsum. 
Ein Skilift erschließt einen unterhalb der Straße verlaufenden Hang. Die Abfahrt ist so steil, dass man als Skifahrer schwindelfrei sein muss, eine Piste für Genießer der Vertikale.
Unterhalb der Passhöhe überqueren wir die Grenze nach Montana, dann schraubt sich die Straße wieder hinab. Von einem Viewpoint aus kann man überschauen, in welch langen Zacken hier die Höhe abgebaut wird.
Unten wird es dann schnell zahm und viel wärmer. Nach wenigen Kilometern liegen die Rocky Mountains hinter uns und wir fahren durch offenes nur noch leicht hügeliges Prärieland.
Auf der US 310 fahren wir bald wieder südwärts, parallel von uns eine Bahnstrecke. Ohne große Hoffnung schaue ich auf die Gleise, da steht auf einmal ein Güterzug, offenbar in einer Ausweiche auf einen Gegenzug wartend, in bestem Fotolicht. Susanne fährt rechts ran, meine Kamera klickt, manchmal kann es so einfach sein.
Jenseits der Grenze sind wir zurück in Wyoming. Agrarland und gelegentlich Zementfabriken prägen das Bild. Kurz vor unserem Ziel wird die Landschaft noch einmal karg. Die niedrigen grauen Buckel fast ohne jeden Bewuchs haben etwas von Mondlandschaft.
In Greybull haben wir dann wieder Grünland vor uns, der Bighorn River sorgt für genügend Wasser. Wir übernachten hier auf einem KOA Campground. Nicht allzuviel erwartend öffnen wir die Tür zu unserer Cabin und sind begeistert: Sie ist verhältnismäßig geräumig, ziemlich neu und hat sogar eine ein wenig vom Platzgeschehen separierte Terrasse. Noch dazu können wir in der Laundry unsere Kleidung waschen. Also wieder eine gelungene Unterkunft.
Vor dem Abendessen kühlen wir uns noch im Swimmingpool des Platzes ab. Oskar hält dabei noch eine Überraschung bereit: Er macht seine allerersten selbständigen Schwimmzüge.
Zwei akustische Phänomene gäbe es zu beachten, hatte uns die Platzchefin hingewiesen: Zum einen könnte das Hupen und Rangieren von Zügen zu hören sein, obwohl der Bahnhof ein gutes Stück entfernt ist. Hier sind wir ja seit der 2019er Höllennacht von Ashville NC vorgeschädigt, jedoch zeigt sich noch beim Abendessen, dass hier das Hupen recht human laut ist. Zum anderen gäbe es in Greybull jeden Abend um 21 Uhr einen kurzen Probealarm. Das durchschnittliche Alter der freiwilligen Feuerwehrleute liegt bei 79 Jahren und so wird dies als Hörtest gewertet. Gleichsam ist es Zeit für die Kinder, heimzukommen. Und tatsächlich ertönt dann auch pünktlich die Sirene. Da nun auch die Mücken heranschwirren, gehen auch wir ins Haus, also in unsere Hütte.

Samstag, 13. Juli 2025 Suisun City CA - San Francisco Airport CA

Der letzte Morgen in Amerika. Wir können kaum glauben, dass diese phantastische Reise heute zu Ende geht. Und wie schnell die Zeit vergangen...