Heute lassen wir es ein wenig ruhiger angehen, schlafen länger als die Tage zuvor und frühstücken auf der Terrasse.
Unser erster Stopp ist am Bahnhof, aus dessen Richtung schon den ganzen Morgen verlockendes Hupen zu hören ist. Merke: Was nachts störend ist, kann tagsüber für den Eisenbahnfan durchaus gute Laune machen.
Im Bahnhof stehen zwei Züge abgestellt, die beiden Loks nebeneinander machen was her. Ein anderes Lokpärchen ist mit Rangierarbeiten beschäftigt, entschwindet jedoch in die für uns falsche Richtung.
Wir fahren ostwärts, dem Gebirgszug der Bighorn Range entgegen. Auf der Straße findet eine Art Volksradfahren statt; immer wieder überholen wir Radfahrer, die mit mehr Freude an der Fortbewegung als mit Ehrgeiz auf dem Randstreifen unterwegs sind.
Mitten in der trockenen Steppe lockt ein Abzweig: "Red Gulch Dinosaur Trackside". Das müssen wir uns anschauen. Eine acht Meilen lange Schotterpiste mit vielen Schlaglöchern führt ins Nirgendwo. Unser Explorer fühlt sich wohl auf diesem Terrain, wir brausen durch die Wildnis, hinter uns eine riesige Staubwolke, der Blick nach hinten gibt nichts mehr her.
Am Ende der Piste erwartet uns ein ganz normaler Parkplatz und ein Weg hin zu einer Bodenvertiefung, in der die Fußabdrücke von Dinosauriern gefunden wurden. Schilder warnen vor Klapperschlangen, es empfiehlt sich also, auf dem Weg zu bleiben.
Es ist schon ein komisches Gefühl, Spuren von Dinosauriern zu sehen und direkt an ihnen zu stehen. Hier sind sie also langgelaufen, 160 bis 180 Millionen Jahre sind diese Spuren alt, wie Zeichen des Lebens dieser Tiere, die man nur theoretisch oder als Skelette kennt. Erhalten blieben sie, weil sich eine Schicht aus Vulkanasche auf die im Schlamm hinterlassenen Spuren legte und diese damit konservierte.
Insgesamt wurden hier über tausend individuelle Spuren gefunden, von denen jedoch nur die wenigsten für das ungeübte Auge erkennbar sind.
Oskar, unser Dinosaurier-Experte, ist völlig aus dem Häuschen, jeder einigermaßen deutlich erkennbare Fußabdruck wird eingehend untersucht. Mich überkommen bei solchen Begegnungen mit den ausgestorbenen Tieren der Vorzeit immer eher philosophische Gedanken: Wir denken von den Dinosaurieren eigentlich vor allem, dass es plumpe oder grausame Lebewesen waren, die der Zeit nicht mehr gewachsen waren und sich daher von der Erde verabschiedeten. Jedoch existierten diese Tiere in vielfältigsten Facetten über 150 Millionen Jahre. Ob sich unsere Art des Lebens, also die der Säugetiere, ähnlich lange halten wird? Vielleicht waren am Ende die Dinosaurier, obwohl sie wohl keine höhere Intelligenz ausbildeten, doch der erfolgreichere Versuch des Lebens.
Zurück auf der Straße kommen die Berge immer näher. In Shell, einem winzigen Nest mit Campground, ist das Ziel der Radfahr-Veranstaltung. Hier stehen heute mehr Autos an der Fahrbahn als es Einwohner gibt.
In die Berge hinein führt die Straße dann durch eine tiefe enge Schlucht. Hoch ragen die Felsen rechts und links auf, es ist kaum Platz für den Fluss und die Straße. Dann kommen die Serpentinen, es geht bergauf in grünere, weniger trockene Regionen.
Im Vergleich zu gestern ist die Straße absolut unspektakulär, obwohl die Passhöhe des Granite Pass bis auf 9.033 ft, also 2.753 m hinaufführt.
Bis oben führt die Straße vor allem durch weite Wiesen, die von Wald umsäumt sind. Die Landschaft erinnert eher an das Allgäu als an ein Hochgebirge.
Bis oben führt die Straße vor allem durch weite Wiesen, die von Wald umsäumt sind. Die Landschaft erinnert eher an das Allgäu als an ein Hochgebirge.
Auf einmal ruft Oskar: "Da steht ein Elch!" Und tatsächlich äst ein beinahe schwarzer Elch am Waldrand, einige Meter daneben noch einer. Es sind junge Schaufler, also männliche Exemplare, mit deutlich erkennbaren Schaufeln. Ohne Oskars scharfen Blick hätten wir die beiden nicht gesehen.
Der Pass verläuft noch einige Kilometer auf einer Art Hochebene, auf der Wintersport betrieben werden kann, dann senkt sich die Straße wieder ab in die Ebene der Prärie, die sich endlos vor uns ausbreitet. In unzähligen Kurven geht es über 1.500 Höhenmeter hinunter.
Nahe der Grenze zu Montana fahren wir auf die von Seattle kommende Interstate I-90 auf, verlassen diese aber bald wieder, um eine Runde durch die sehenswerte Innenstadt von Sheridan zu drehen. Diese präsentiert zunächst ein mustergültig restauriertes Dampflok-Denkmal und zeigt sich dann als in die Jetztzeit versetzte Westernstadt, in der einige Häuser noch den Flair von damals haben, jedoch fern von musealem Anspruch.
Dem örtlichen WALMART ist auch ein SUBWAY angeschlossen, so dass wir Einkauf und Mittagessen miteinander verbinden können. Die Mitarbeiterinnen im Subway erkennen sofort unseren deutschen Akzent und beginnen beide zu erzählen von ihrer deutschen Verwandtschaft bzw. Freunden. Oskar darf sich ein kleines Geschenk aussuchen, er wählt einen Mini-Hai und singt in Dauerschleife auf der anschließenden Weiterfahrt ein ihm bekanntes Kinderlied über einen Hai.
Wir fahren also wieder auf die I-90 auf und folgen ihr für 100 Meilen ostwärts. Zunächst verläuft sie durch ein Teletubbie-Land voller flacher grüner Hügel.
Dann, nachdem bei Buffalo die I-22 Richtung Denver und Westtexas abgezweigt ist, durch welliges Weideland. Spuren von Zivilisation sind außer den an der Autobahn entlang verlaufenden Weidezäunen und gelegentlichen Kühen auf den endlosen Weiden kaum etwas zu sehen. Abfahrten mit kuriosen Namen wie "Crazy Woman Creek" oder "Wild Horse Creek" enden auf Gravelroads, die zu irgendwo versteckt liegenden Farmen führen.
Vielleicht hat hier auch jede Farm ihre eigene Anschlussstelle. Erlaubt ist Tempo 80, also für Amerika ungewohnte 130 km/h, was flottes Fortkommen ermöglicht. Der Verkehr ist jedoch auch überaus spärlich, kaum jemand ist heute unterwegs auf der Autobahn Richtung Rapid City oder Chicago, das freilich noch über 1.000 Meilen entfernt liegt.
Vielleicht hat hier auch jede Farm ihre eigene Anschlussstelle. Erlaubt ist Tempo 80, also für Amerika ungewohnte 130 km/h, was flottes Fortkommen ermöglicht. Der Verkehr ist jedoch auch überaus spärlich, kaum jemand ist heute unterwegs auf der Autobahn Richtung Rapid City oder Chicago, das freilich noch über 1.000 Meilen entfernt liegt.
In Gillette wird das Umland entlang der Autobahn wieder bewohnter, diese Gegend wirkt total zersiedelt, überall stehen einzelne Häuser herum, mal hübsch, meist hässlich. Größter Arbeitgeber der Region scheint eine riesige Zementfabrik zu sein, deren abstrakte Bauten wie ein Fremdkörper wirken. Einige Güterzüge warten an oder vor den Verladeanlagen, endlose Waggonschlangen, am heutigen Samstag zur Untätigkeit erstarrt.
In Moorecroft verlassen wir die Autobahn und tanken erst einmal nach. An der Tankstelle direkt an der Autobahn treffen sich Autos aus halb Amerika: Die Kennzeichen zeigen Herkünfte aus Pennsylvania, New Mexico, New Jersey oder Minnesota, und unseres aus Kalifornien. Wie bereits in den Tagen zuvor schon bemerkt, sind keine Kanadier unterwegs, was einerseits nahe der Grenze, aber auch in den begehrten Nationalparks auffällig ist. Die Beziehungen zwischen beiden Staaten sind aktuell zerrüttet, und die Kanadier bleiben den USA fern.
Wir wenden uns nun wieder nordwärts und steuern das Devils Tower National Monument an. Zunächst ist es hier noch flach, aber als wir die Ausläufer der Black Hills erreichen, wird es hügeliger und zerklüfteter.
Dann ist erstmals der Felsmonolith des Devils Tower am Horizont zu sehen. Was für ein Anblick. Er ragt 265 Meter aus der ihn umgebenen Hochfläche heraus. Die genaue Ursache für seine Existenz ist unbekannt, hängt aber in jedem Fall mit Magma-Aktivitäten zusammen, die vor etwa 50 Millionen Jahren stattfanden. Entweder stülpte sich eine Magmablase nach außen, was als wahrscheinlichste Theorie angesehen wird. Oder es sind die Reste eines Vulkankegels, dem die Erosion das die erkaltete Lava umgebende Gestein weggewaschen hat, was auf den ersten Blick logischer erscheint, jedoch gibt es im weiten Umkreis sonst keinerlei vulkanische Aktivität.
Seit 1906 steht das Gelände unter staatlichem Schutz, nachdem es durch Präsident Theodore Roosevelt gemäß dem damals gerade beschlossenen Antiquities Act als erstes National Monument ausgewiesen wurde. Damit konnte verhindert werden, dass das Naturwunder zu einem Steinbruch verkam.
Am Parkeinlass herrscht jetzt um kurz nach fünf kein Betrieb mehr, und wir fahren halb um den Turm herum, um ihn von seiner von der Sonne bestrahlten Seite zu sehen. Nun steht er vor uns in ganzer Pracht. Und außer uns ist kaum jemand da.
Ich bin total begeistert, denn für mich geht mit dem Besuch dieses Naturwunders ein Traum in Erfüllung; nach Yellowstone der zweite Herzenswunsch für den Nordwesten Amerikas. Seit ich durch den Spielberg-Film UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART, in dem der Devils Tower die Landezone der Außerirdischen ist und wo die Kommunikation mit ihnen gelingt, von dem Berg gehört hatte, wollte ich ihn unbedingt sehen. Jetzt sind wir hier, haben extra für den Besuch unsere Tour so weit nach Osten ausgedehnt.
Den Rundweg um den Berg heben wir uns für morgen auf, nun steuern wir unsere Unterkunft an. Sie liegt etwa drei Kilometer entfernt im weiträumigen Gelände einer Outfitter-Lodge. Ins Haupthaus scheinen vor allem Jagdgäste zu kommen, denn hier steht allerlei für Pirsch und Ansitz geeignete Ausrüstung herum. Unser Haus - Cabin wäre angesichts der Ausmaße eine schamlose Untertreibung, liegt etwa 300 Meter dahinter völlig einsam am Rande eines kleinen Tales. "Self CheckIn" hatte es in der Bestätigungsmail geheißen; das bedeutet, das die Tür nicht abgeschlossen ist. Wir treten ein und sind sofort begeistert. Das Haus ist innen luxuriös, komplett in Holz gehalten, absolut stimmig und elegant, teilweise in etwas groberem Stil. Zwei große Schlafzimmer, zwei Badezimmer, eine große Wohnküche und eine Terrasse mit Blick ins unberührte Grüne. Hier lässt es sich leben.