So schön unsere Ferienwohnung auch ist, ausstattungsmäßig ist noch Platz nach oben: Es gibt eine Kaffeemaschine, aber keine passenden Pads, Abspülen des Geschirrs wäre gerne vom Vermieter gesehen, es gibt aber keine Geschirrhandtücher, und kleine Löffel gibt es nur als Plastikbesteck, ganz so als hätte ein Gast diese Lücke durch einen Nachkauf gefüllt. Trotzdem haben wir uns insgesamt wohl gefühlt und konnten gut schlafen nach dem langen Tag gestern. Wie spät es ist, schauen wir sicherheitshalber im Internet nach, die mit dem Wechsel nach Idaho fällige Zeitumstellung auf Mountain Time lief gestern nicht auf allen Handys automatisch.
Unsere ersten Kilometer führen uns ins Stadtzentrum von Nampa, das aus dem üblichen Mix aus Geschäften und Dienstleistern entlang einer langen vielspurigen Straße besteht. Trotz oder gerade wegen des Sonntags herrscht viel Betrieb, alle Geschäfte haben geöffnet, auch vor den Kirchen sind die zum Teil riesigen Parkplätze gut frequentiert.
Bei der Bank of America füllen wir unsere Bargeldbestände wieder auf, ganz amerikanisch an einem Drive Thru-Geldautomaten.
Über die Interstate 80 geht es weiter nach Boise, der Hauptstadt von Idaho. Diese soll zwar kaum touristisch sehenswert sein, trotzdem wollen wir uns zumindest das State Capitol anschauen. Wie in Washington DC führt auch hier die Capitol Street fotogen auf das Bauwerk zu, das selbstverständlich nur eine Miniaturausgabe des großen Bruders ist, jedoch nicht so klein wie das in Montpellier VT, das uns bei unserer Neuengland-Rundfahrt wirklich winzig vorkam.
Zu unserer Überraschung findet am heutigen amerikanischen Vatertag rund um das Capitol die "Father's Day Car Show" statt. Wieder können wir uns Dutzende bestens gepflegter Oldtimer anschauen, alle in Privatbesitz. Unglaublich, wie viele Classic Cars in einem dünn besiedelten Staat wie Idaho mit so viel ländlichem Umland unterhalten werden, um an Tagen wie heute ausgestellt und gegebenenfalls prämiert zu werden. Im Gegensatz zu gestern kann man den Autos ganz nahe kommen und auch hineinsehen, für Fragen stehen auch die Besitzer bereit, die dezent im Hintergrund darauf achten, dass ihren Schätzen nichts passiert. Das zahlreiche Publikum weiß die Kostbarkeiten zu schätzen, alle sind bester Laune, niemand berührt die wertvollen Automobile.
Auch das Capitol hat geöffnet, eine Gelegenheit, wie sie sich sonst wohl nicht an einem Sonntag bieten würde. Unter der Kuppel hängt eine große Fahne, das wirkt prachtvoll-stimmig, vor allem beim heutigen Sonnenschein. Wie aus diversen Serien bekannt - zuletzt hatten wir YELLOWSTONE gesehen - residieren im Capitol die zentralen Institutionen eines Bundesstaates, der Gouverneur und der Bezirksstaatsanwalt. Auch hier haben sie ihre Büros; für uns eine kleine Freude, das einmal live zu sehen.
Nach der Autoschau verlassen wir Boise durch einen sehr gepflegten Stadtteil in Richtung Gebirge. Über eine kleine Straße folgen wir einem Bach flussaufwärts, jede Biegung des hin und her-mäandernden Tals mitnehmend. Der Wald besteht aus knorrigen Ponderosa-Kiefern, entsprechennd heißt die Straße "Ponderosa Pines Scenic Byway", wobei das "Scenic" hier unten im Tal noch auf sich warten lässt.
Erster und einziger Ort ist eine Siedlung namens Idaho City, die Ansammlung von Blockhäusern entlang einer staubigen Straße spricht jedoch dem zweiten Namensteil Hohn: Ein paar Geschäfte für irgendwelchen Krimskrams, ein Post Office, ein Trading Post und ein Café finden sich in dieser ehemaligen Goldgräbersiedlung, die heute nur noch touristisch bedeutsam ist. In letzterem wollen wir einen Kaffee to go kaufen, treffen in diesem schrägen Hinterwäldler-Establishment auf einen unglaublich unfreundlichen Verkäufer. Dieser erscheint beinahe verärgert über unsere in seinen Augen wohl nicht ausreichende Bestellung, so dass er sogar das Trinkgeld ablehnt und uns auf den Cent genau herausgibt. Wodurch wir seinen Unwillen erregt haben, ist uns schleierhaft. Sei es wie es sei, wir haben unseren Kaffee.
Dieser ist einige Kilometer weiter so weit abgekühlt, dass wir ihn an der Passhöhe des Mores Creek Summit zusammen mit einem Muffin genießen können.
Jenseits des Passes wandelt sich die bis dahin eher langweilige Straße: statt durch ein enges dicht bewaldetes Tal geht es nun in vielen Kurven und mit bester Sicht über viele hundert Höhenmeter hinab. Nun ist die Straße großartig und macht richtig Spaß. Am Straßenrand steht plötzlich ein Hirsch mit Geweih im Bast; etwas überraschend, dass er sich den Straßenrand zum Äsen ausgesucht hat. Hier sollten sich in einem Gebiet, dass von von einem Waldbrand von 1989 gezeichnet ist und viel neues dichtes Unterholz bietet, eigentlich bedeutend bessere Äsungsflächen abseits der Straße bieten.
Unten im Tal treffen wir auf den Payette River und folgen ihm auf einer breiten Straße. Bald kommen wir durch ein weiteres Waldbrandgebiet, diesmal ist es ganz frisch, kein neues Grün am Waldboden, nur nackte Baumskelette. Susanne hatte vor einigen Monaten von einem Waldbrand hier im Gebiet der Sawtooth Range gehört, der die Straße versperrte, dies war wahrscheinlich diese Zone.
Nun steigt die Straße wieder deutlich an, der nächste Pass steht an. Diesmal ist es der 2.252 m hohe Banner Summit. Eine kurze Strecke geht es erneut durch Wald bergab, dann wandelt sich das Landschaftsbild erneut: Riesige Wiesen prägen nun die Szenerie, umgeben von an den Hängen hinaufziehenden Wäldern. Bald kommt auch die Sawtooth Range ins Bild, schroffe, teilweise noch schneebedeckte Felszacken.
Am Park Creek Overlook, einem Aussichtspunkt par exellence, halten wir noch einmal an, zu schön ist das Panorama. Die Berge präsentieren sich im besten Licht, und unten in der Wiese stehen weit entfernt zwei Hirsche. Paradiesisch…
Kurz darauf sehen wir erneut zwei Hirsche an der Straße. Sie würdigen den vorbeirollenden Verkehr keines Blickes, der jedoch der Abgeschiedenheit der Region entsprechend eher dünn ist. Wir fahren extra noch einmal einen Kilometer zurück, um die beiden vielleicht noch fotographieren zu können; bei unserer zweiten langsameren Vorbeifahrt sind die beiden dann deutlich misstrauischer.
Wir übernachten heute in Stanley, einem Dorf im Blockhausstil mit 116 Einwohnern, gelegen auf 1.920 m Höhe. Einst gegründet als Trappersiedlung, ist Stanley heute der zentrale Infrastrukturpunkt mitten in der Einsamkeit mit dem einzigen Laden und der einzigen Tankstelle im weiten Umkreis.
Auch unsere Unterkunft ist ein Blockhaus, es trägt den Namen "Devils Teeth" und ist eine von einem Dutzend Hütten der Triangle Cabins Lodge. Erster Eindruck: Sehr gemütlich, irgendwie kommt hier ein wenig Trapperstimmung auf.
Zum Abendessen wollen wir uns etwas gönnen und fahren - soweit sind wir schon amerikanisiert - einige hundert Meter hinüber zu "Papa Brunee's", einer im Internet und von der Frau im Office unserer Unterkunft hochgelobten Pizzeria. Und das Resaurant hält, was es verspricht: super freundliche Bedienung, zünftiges Ambiente und eine exzellente Pizza, natürlich mit Toppings, die in einer europäischen Pizzeria eher unüblich sind, zum Beispiel eine Pizza namens "Stanley Steak", auf der neben Pilzen und Paprika dünn geraspelte Steak- Stückchen befinden - grandios.
Danach fahren wir noch eine Runde durch den Ort, der uns richtig gut gefällt.