Samstag, 21. Juni 2025

Mittwoch 18. Juni 2025 Headwaters WY - Gardiner MT

Heute schellt der Wecker schon um 6 Uhr, denn wir haben Großes vor und wollen zeitig los. Auf dem Programm steht der erste Tag im Yellowstone National Park.
An der Einfahrtskontrolle haben sich noch keine Schlangen gebildet, wir kommen nach kurzem Halt in den Park hinein. An manchen Tagen in der Hauptsaison kann man hier schon einnmal länger anstehen; unglaublich, was sich dann im Park abspielen muss. 
Kaum wieder unterwegs, kommt uns ein Auto mit Warnblinker entgegen, in den Nationalparks das Zeichen, das Wild an oder auf der Straße steht. Tatsächlich läuft ein grauer Fuchs vor uns über die Fahrbahnrandmarkierung und lässt sich von den Autos nicht beeindrucken.
Kurz darauf überqueren wir die Continental Divide, die kontinentale Wasserscheide. Ab hier fließt das Wasser in den Missouri und damit anschließend über den Mississippi in den Atlantik.
Am Visitor Center in Grant Village am Lake Yellowstone holen wir uns unseren Parkstempel und - fast noch wichtiger - die Eruptionszeiten für die Geysire wie den "Old Faithful", für viele die vielleicht größte Attraktion im Park.
Der Yellowstone-Nationalpark wurde am 1. März 1872 gegründet und ist damit der älteste Nationalpark der Welt. Er liegt zu weiten Teilen in der vor rund 640.000 Jahren entstandenen Caldera des Yellowstone-Vulkans über einer riesigen Magmakammer, die in mehr als acht Kilometern Tiefe liegt und theoretisch jederzeit wieder aufbrechen kann. Bis dahin speist ihre Hitze die Kraft für ein großes Geothermalbecken, das aus Geysiren und heißen Quellen besteht.
Den berühmtesten dieser Geysire wollen wir uns nun anschauen, eben den "Old Faithful", der etwa alle 90 Minuten ausbricht. 
Mit jeder Minute nimmt der Verkehr zu. Waren wir vorhin noch in aller Ruhe unterwegs, sind wir nun Teil einer Autokolonne, die durch die Wälder braust und tatsächlich komplett den Großparkplatz am Geysir ansteuert. Hier ist alles bestens organisiert, wie bei einem Festival oder einem Vergnügungspark. Es gibt sogar mehrere Reihen Bänke entlang der sicheren Zone am Geysir, die mit etwas Phantasie an Tribünen erinnern. Wir sind eine gute halbe Stunde vor dem Ausbruch da und können uns den Sitzplatz noch aussuchen. Aber die Plätze um die Manege füllen sich rasch.Die ganze Zeit steigt stetig weißer Dampf auf, dann kommen pünktlich zum erwarteten Zeitpunkt die ersten Fontänen aus dem Boden. Die Wassermenge wird rasch mächtiger, und dann erhebt sich der etwa fünfzig Meter hohe Geysir vor uns in den Himmel. Nach zehn Sekunden mit Volldampf lässt der Druck schon wieder nach und der Geysir sinkt in sich zusammen. Insgesamt dauerte das Schauspiel eine Minute; als es vorbei ist bleibt es noch für einen kurzen Moment still, dann fangen viele Menschen an zu klatschen.
Das Schauspiel hat einerseits stark beeindruckt, denn eine solche urwüchsige Kraft in Aktion zu erleben ist einfacch grandios. Andererseits war es so schnell vorbei - was zu erwarten war - und hatte irgendwie nicht die Ausmaße, die man sich vor dem geistigen Auge ausgemalt hatte und die in diversen Illustrationen und Bildern zu sehen ist. In jedem Fall war es jedoch ein eindrückliches Erlebnis.
Man könnte nun noch über das Gelände rund um "Old Faithful" spazieren, überall steigt heißer Dampf auf, und kleinere Geysire sind mit etwas Geduld auch noch zu sehen. Wir werden jedoch noch einige andere Punkte dieser Art hier im Park ansteuern, so dass wir den Rundweg nicht gehen. 
Keinesfalls versäumen möchten wir jedoch einen Blick in die Eingangshalle des vollständig aus Holz gebauten Hotels "Old Faithful Inn". Und tatsächlich ist die Architektur beeindruckend: Mehrere Stockwerke hoch, die Etagen sind zur Halle hin offen, und es wirkt überall ein wenig verwinkelt. Spontan fällt hier nur ein Vergleich ein: Hogwarts aus Holz.
Wieder mit dem Auto auf dem Park Loop, der wie eine Acht geformten Haupstraße durch den Park, reihen wir uns in eine nicht enden wollende Karawane von Autos ein. Alles erinnert nun an den Yosemite National Park, wo sich beeindruckende Landschaft mit unfassbaren Automassen paarte. Bereits der nächste Stopp wird zum Geduldsspiel: Der Parkplatz am Midway Geysir Basin ist total überfüllt, man kommt weder rein noch raus, weil sich alle im Wege stehen. Wir drehen spontan und parken einen halben Kilometer entfernt am Straßenrand. Der Weg an einem Fluss entlang bis zur zu den heißen Pools führenden Brücke hält dann eine kleine Überraschung bereit, die wir gar nicht gesehen hätten: Direkt am Ufer quillt eine kleine Unterwasserquelle an die Wasseroberfläche. Wir testen die Wassertemperatur: Es ist richtig heiß. Auf der anderen Seite läuft das dampfende Wasser aus den Pools über eine Felswand herunter, die vom Schwefel und Eisen im Wasser gefärbt ist.
Das erst Becken der Midway Basins ist gefüllt mit klarem azurblauen Wasser, aus dem weißlicher Dampf aufsteigt. Dies ist ein erloschener Geysir, der zum letzten Mal 1985 ausgebrochen ist, seit dem reicht die von unten drückende Kraft nicht mehr aus, um eine Fontäne zu erzeugen.Ein Stück weiter das obere Becken. Es schillert am Rand in leuchtenden Farben, vor allem orange, und auch der aufsteigende Dampf hat die Farben des Wassers. Wenn der Wind den Dampf zu uns herüberweht, liegt auch ein ziemlicher Gestank in der Luft. Über das ganze Gelände bewegt man sich auf Holzbohlenwegen, interessanterweise oftmals ohne Geländer. Das überrascht insofern, als dass der Boden an vielen Stellen nur aus einer mal dicken und mal dünnen Kruste besteht, unter der siedend heiße Bedingungen herrschen. Ein Fehltritt, und man hat ein Fuß in kochendem Wasser. Der Bohlenweg ist gut frequentiert, alle laufen umsichtig auf dem schmalen Weg und erfreuen sich an dieser farbenprächtigen Laune der Natur.
Kurz vor Madison dann ein Schauspiel ganz anderer Art: Rechts neben der Straße steht in etwa 200 Metern Entfernung eine Bisonherde auf der Wiese, mehrere Dutzend Tiere, die entweder grasen oder sich wiederkäuend niedergetan haben. So sehr hatten wir gehofft, Bisons zu sehen, und nun stehen wir tatsächlich vor ihnen. Augenblicke, die glücklich machen.
Nach mehreren kurzen Stopps ist unser nächster Programmpunkt die Artists Paintpots. Diese sind über eine kurze Wanderung zu erreichen, haben ebenfalls wieder heiße Dämpfe und schweflig stinkende Luft zu bieten. Etwas oberhalb entdecken Oskar und ich jedoch noch ein Schlammbecken, aus dem Schlammfetzen empor geschleudert werden.
Inzwischen haben wir den ehemaligen Krater verlassen und sind nun auf einer Hochebene unterwegs. Nun prägen weite Wiesen das Bild mit hohen Bergen im Hintergrund. Bei einer kurzen Walddurchfahrt sind auf einmal wieder Warnblinker und Autos am Straßenrand zu sehen. Und tatsächlich haben wir wieder Wildkontakt: Direkt neben der Staße äsen Bisons, kaum fünfzig Meter entfernt. Sie sind so nahe, dass man sie beinahe schmatzen hören könnte. So aus der Nähe wird einem noch klarer, was das für riesige Tiere sind. 
Vor uns steht ein Wohnmobil mit Frankfurter Kennzeichen. Laut großem Aufkleber am Heck auf Panamerica-Tour.
Einen kurzen Stopp legen wir noch am Swan Lake ein, einem im Grasland gelegenen idyllischen See mit herrlichem Panorama. Hier könnten Szenen aus vielen im Westen spielenden Serien gedreht worden sein, spontan fallen da LONGMIRE, HEARTLAND und YELLOWSTONE ein.
Kurz darauf verlassen wir das Hochplateau des Nationalparks. In einer Kurve auf einmal ein Menschenauflauf. Ich steige aus und frage, was es hier zu sehen gibt. "A bear is over there". Ich suche mit dem Fernglas dir Richtung ab, in welche die Frau gezeigt hat, und tatsächlich sitzt dort unter einem Baum ein schwarzer Bär, auf die Entfernung zwar winzig aber eindeutig als solcher zu erkennen. Was für ein Glück.
Enge Kurven führen dann deutlich bergab nach Mammoths Hot Spings, einem alten Kurort. Hier locken weiße Sinterterrassen die Aufmerksamkeit an und sind mit einem kurzen Loop Drive erschlossen. Wir drehen die Runde, sind jedoch nur mäßig beeindruckt, da die meisten dieser Ebenen trocken liegen und verlandet sind. 1995 gab es hier im Park ein massives Erdbeben mit hunderten von Endstufen, die an vielen Stellen die hydrothermische Aktivitäten verändert haben. So fielen auch diese Terrassen trocken.
Noch weiter hinunter führt die Straße aus dem Park heraus nach Gardiner. Nun hat die Straße die Dimensionen eines Alpenpasses: Schmal, steil, extrem kurvig - richtig ungewohnt für Amerika. 
Kurz vor Gardiner passieren wir ohne weiteren Hinweis die Grenze nach Montana. Der Ort selbst hat entlang der Hauptstraße alle Infrastruktur zu bieten, die man für einen Besuch im Park braucht: Unterkünfte, Restaurants, Tankstelle, Geschäfte für Freizeitaktivitäten aller Art wie Rafting, Bustouren und geführte Ausflüge. Dementsprechend schrill, teuer und hässlich ist es hier, alles erinnert uns stark an Moab UT.
Auch unser Hotel, "The Antler Lodge", ist in keiner Hinsicht eine Highlight. Unser erstes Zimmer ist noch nicht hergerichtet und weist den Zustand des Verlassens der vorherigen Gäste auf; im zweiten Zimmer, das trotz sportlichem Zimmerpreis den alleruntersten Durchschnitt repräsentiert und abgewohnt wirkt, fehlt der explizit mitgebuchte Kühlschrank, der jedoch nach unserem Hinweis zügig herangekarrt wird. Einziger Lichtblick dieses Etablissementes ist der Mann an der Rezeption, der unsere Beanstandungen geduldig erträgt, konstruktiv und mit mehreren "Sorry for that“ und "I apologize“ für Abhilfe sorgt und uns zur Wiedergutmachung zu einem Drink einlädt. 
Zunächst konsultieren wir mangels Kraft für Alternativen die Grill-Bar des Hotels für unser Abendessen. Danach kaufe ich noch ein paar Kleinigkeiten im örtlichen Supermarkt ein. Auf dem Weg dahin - unamerikanisch zu Fuß - sehe ich noch einmal Hirsche: Sie äsen mitten im Ort, in Gärten und auf allen irgendwie geeigneten Freiflächen.
Wir beschließen unseren ersten Yellowstone-Tag mit dem spendierten Drinks: Für Susanne hole ich an der Bar ein "Cherry Blossom Seltzer"- Frauenbier, ich probiere das aus dem Fass gezapfte "Hoo Doo Weißbier", ein Craft-Bier, das für US- Verhältnisse sehr gut schmeckt, dessen Ähnlichkeit mit einem gewohnten Weißbier jedoch überschaubar ist. Interessant ist, das auf der Tafel hinter der Bar für die angebotenen Biere nicht der Preis, sondern der Alkohol-Gehalt angeschrieben ist. Im Bud Light-gewohnten Amerika vielleicht nicht die uninteressanteste Information.

Samstag, 13. Juli 2025 Suisun City CA - San Francisco Airport CA

Der letzte Morgen in Amerika. Wir können kaum glauben, dass diese phantastische Reise heute zu Ende geht. Und wie schnell die Zeit vergangen...