Wenn man schon so luxuriös wohnt, dann muss man das auch ausnutzen. Wir schlafen also bis 8 Uhr und haben dann zum Schluss ein wenig Zeitdruck zum CheckOut um zehn. Das hält uns aber nicht davon ab, in der Wohnküche vor den großen Fenstern gemütlich zu frühstücken.
Wieder sind wir ein wenig melancholisch, als wir losfahren. Die Unterkunft war ein Vollstreffer, super sauber, ruhig und vom Interieur spitzenklasse.
Wir fahren zurück zum Devils Tower. Nachdem es heute Früh ziemlich bewölkt und windig war, kämpft sich mittlerweile die Sonne wieder durch. So haben wir ein ganz anderes Licht, als sich der Berg wieder vor uns aufbaut.
Es ist viel mehr los als gestern Abend; auf dem Weg zum Parkplatz am Visitor Center ist eine Ampel installiert, die verhindern soll, dass zu viele Autos gleichzeitig zum Parkplatz am Straßenende fahren. Auch wir müssen etwa zehn Minuten warten, bis wir Grünes Licht haben und weiterfahren dürfen.
Oben angekommen stehen wir direkt unterhalb des Devils Tower. Wie fast alle anderen Besucher wollen auch wir den kurzen Trail um den Berg herum wandern. Dieser ist 1,3 Meilen, also etwa zwei Kilometer lang, und bietet immer neue Aus- und Ansichten, dazu sind viele interessante Informationstafeln unterwegs aufgestellt.
Einer Lakota-Legende zufolge wurden an der Stelle einst sechs Indianermädchen von einem Grizzly bedroht. Der "Große Geist" kam ihnen zu Hilfe und ließ die Erde unter ihnen anheben, so dass sich der Bär nur noch an den Flanken des neuen Turms festkrallen konnte; dies sind die vielen Furchen, die man heute am Berg sieht.
Unterhalb der Überreste der alten Holzleiter, die von 1886 bis in die 1920er Jahre einen Aufstieg auf die Hochfläche ermöglichte, werden wir von einem Mann auf Englisch angesprochen, aus welchem Teil Deutschlands wir kämen. Das ist total ungewöhnlich, denn sonst wird stets allerhöchstens gefragt, ob wir aus Deutschland sind. Es ist John, der laut eigener Aussage "bestimmt schon hundert Mal in München war"; offenbar beruflich, denn er erzählt, dass er in manchen Jahren jeden Abend auf dem Oktoberfest war, was auf die Dauer ziemlich ermüdend sei. Das tut sich eigentlich nur jemand an, der das beruflich machen muss. Er und sein Frau haben gestern Abend extra seit langem einmal wieder CLOSE ENCOUNTERS geschaut - der Originaltitel von UNHEIMLICHE BEGEGNUG DER DRITTEN ART - als Vorbereitung für den heutigen Tag. Für seine Frau sei wie für mich der Film die Inspiration gewesen, hierhin zu kommen.
Bald ist der Halfway Point des Weges erreicht, da sehen wir unterhalb des Weges einen Hirsch mit Geweih im Bast im Wald liegen. Er ist völlig entspannt angesichts des Trubels auf dem Weg, und wir können ihn in aller Ruhe beobachten.
Auf dem Trail kommen uns viele Familien entgegen, die allerwenigsten haben weniger als drei Kinder, wir sind mit einem Kind die absolute Ausnahme. Es ist schon erstaunlich, wie kinderfreundlich und kinderaffin die USA sind, wir merken es selbst immer wieder wie oft Kinder bis 6 Jahre noch ohne Eintritt in Museen oder Ähnliches reinkommen oder an Campingplätzen bis 12 Jahre nicht berechnet werden. So kommt es auch, dass es in kleinsten Orten mit - ausweislich der Angabe auf den Ortsschildern - oft deutlich weniger als tausend Einwohnern meist eine Elementary School und oft auch eine weiterführende Schule gibt. Ein krasser Unterschied zu Deutschland, wo Schulen geschlossen werden oder werden müssen, weil es nicht genug Kinder gibt. Woran das liegt, kannn man nur spekulieren, auffällig ist der ungeheure Kinderreichtum in jedem Fall.
Dann sind wir wieder am Ausgangspunkt angekommen und besuchen das Visitor Center für unseren Stempel - das Sammeln der Nationalpark-Stempel ist ein Volkssport hierzulande; manchmal müssen wir uns anstellen, um einen zu bekommen. Oskar möchte auch wieder zum Junior Ranger ernannt werden. Also holen wir uns das Junior-Heft mit den zu beantwortenden Fragen, helfen ihm ein wenig, und er kann sich das begehrte Abzeichen "Junior Ranger Devils Tower" ans T-Shirt heften.
Dann brechen wir auf, wir wollen heute ja noch bis Rapid City, und fahren auf der Wyoming-24 weiter ostwärts. In Hulett gibt es einige alte Western-Häuser zu sehen, in Aladdin einen alten General Store mit Oldi-Tankstelle und Post Office für 19 Einwohner.
Wenige Kilometer weiter finden sich die Ruinen eines kleinen alten Kohlebergwerks, einzige Überreste eines früher bedeutenden Wirtschaftszweiges mit vielen solcher Anlagen.
Kurz darauf verlassen wir das sympathische Wyoming und halten Einzug nach South Dakota, wieder ein neuer Bundesstaat für uns.
Über Belle Fourche - unverkennbar eine ursprünglich früher französische Siedlung - und Spearfish erreichen wir die Black Hills. Dieses Mittelgebirge ist eines der schicksalsträchtigsten Gebiete der USA. Die schwarzen Hügel - die Farbe kommt von den dunkelen Fichten an ihren Hängen - waren einst den Sioux heilig und wurden ihnen in einem Vertrag von der Regierung Washingtons garantiert. Als dann in den Tälern Gold gefunden wurde, waren die Verträge null und nichtig. Tausende Prospektoren drangen in das Indianergebiet ein, niemand hinderte sie daran, ein Vertragsbruch durch die eigenen Bürger. Zwar wehrten sich die Sioux verzweifelt und errangen auch 1876 am Little Bighorn River gegen die US-Armee unter General Custer noch einmal einen großen Sieg, aber die Black Hills blieben verloren. Es folgten Massaker an den Indianern, bekannt wurde vor allem Wounded Knee 1890. Die überlebenden Sioux wurden in Reservate nach Montana und South Dakota zwangsumgesiedelt. Noch heute kämpfen die Nachfahren der Indianer vor Gericht für die verlorenen Kämpfe ihrer Vorfahren weiter gegen dieses staatlich legitimierte Unheil.
Der Spearfish Canyon Scenic Byway führt uns in das Gebirge hinein. Felsen ragen rechts und links aus den Wäldern empor, oft sieht es ein wenig aus wie im Elbsandsteinbebirge.
Dann erreichen wir Lead und kurz darauf Deadwood, zwei alte Goldgräberstädte. Während ersteres eher beschaulich wirkt, ist im zweiten richtig was los. Entlang der Main Street von Deadwood stehen Saloons und Kneipen nebeneinander die Straße runter, am heutigen Sonntag sind viele Menschen unterwegs, sitzen in den Lokalen oder schlendern durch das Städtchen. Obwohl natürlich das meiste ziemlich artifiziell ist und höchstens im Ansatz noch an die alte Goldgräbertradition zurückreicht, wirken die Backsteingebäude im Westernstil mit ihren traditionellen Fassaden sehr authentisch. Uns gefällt es auf der Durchfahrt richtig gut.
Auf der US 385 geht es weiter südwärts durch das Gebirge. Diese Kilometer ziehen sich, da es kaum etwas Interessantes zu sehen gibt.
In Keystone erleben wir das stilistische Gegenteil von Deadwood. Hier im Schatten des Mount Rushmore hat man sich dem Rummel ergeben. Die Häuser sind auf alt getrimmte Neubauten, die grell und schrill und eben überhaupt nicht stimmig wirken, außer im Kommerz. Billigtourismus mit scheußlichen Souveniershops, teils skurrile Freizeitaktivitäten und Billigrestaurants beherrschen die Durchgangsstraße. Wir halten uns keine Sekunde länger auf als nötig und fahren hinauf zum National Monument. Inzwischen hat es sich wieder völlig zugezogen und es fallen erste Regentropfen.
Dann sind die Präsidentenköpfe oben am Hang sichtbar. Im Gesamtbild unverkennbar, aber irgendwie bescheidener als gedacht blicken George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln auf uns herab.
Dann sehen wir ein Schild, dass zehn Dollar Parkgebühr ankündigt. Nun gilt es zu entscheiden, ob wir das heute Abend noch machen wollen; der Tag war lang, es ist spät, das Wetter ist nicht das Beste, und wir haben nur Zeit für eine Stippvisite und kommen wahrscheinlich morgen oder übermorgen noch einmal vorbei. Also fahren wir an der Einfahrt vorbei und drehen kurz darauf direkt unter dem Profil von George Washington.
Die noch verbleibenden 29 Meilen bis Rapid City legen wir auf einem vierspurigen Highway zurück. Als wir aus den Bergen talwärts rollen, breitet sich vor uns das Flachland aus. Bis zu den Appalachen kurz vor der Ostküste gibt es nun kein nennenswertes Gebirge mehr.
Navi-unterstützt finden wir den Weg zum örtlichen KOA-Campingplatz, eine viel größere Anlage als die vorgestern in Greybull. Leider ist der Empfang auch ungleich unfreundlicher, was eigentlich untypisch für Campgrounds ist. Wir erhalten die gebuchte DeLuxe Cabin zugewiesen, die ähnlich geräumig und modern wie die in Greybull ist, jedoch ziemlich muffig riecht. Also kein toller Empfang im windigen Rapid City. Zumindest regnet es nicht mehr.