Dabei kommt uns ein zwischen den Häusern herumstromender Hirsch ganz nahe; völlig vertraut zupft er jenseits der Terrassenabgrenzung sein eigenes Frühstück.
Zuerst holen wir heute die Besichtigung von Winthrop nach. Wegen der durch das gemütliche Frühstück schon wieder ein wenig fortgeschrittenen Zeit und vor allem wegen der Hitze - es hat um kurz nach zehn schon über 30 Grad - findet diese aus dem Auto heraus statt.
Spannend ist das Tanken. Zunächst fahren wir eine Chevron-Tankstelle am Ortsrand an. Diese akzeptiert jedoch unsere Kreditkarten nicht, wie bereits eine Chevron am Craters of the Moon NM. Da für die vergeblichen Versuche trotzdem eine Gebühr von 0,85 Dollar abgebucht wurde, lautet unser Fazit: Sorry, Chevron, nie wieder. Also tanken wir in einer altertümlichen Tankstelle im Ort, einer wahren Antiquität im Sprit-Business. Es dauert ein wenig, bis aus der uralten Zapfsäule Sprit gezapft werden kann. Zunächst muss diese freigeschaltet werden, dann der Hebel, an dem der Zapfhahn hängt, als solcher erkannt und seitlich auf ON hochgedrückt werden, nachdem man den Zapfhahn entnommen hat.
Auch innen ist die Tankstelle sehenswert, eine Mischung aus General Store, ein wenig spleenigem Souvernirladen und Verkaufsstelle für Autoequipment, mit einem etwas kauzigen wortkargen Inhaber.
Wir verlassen Winthrop auf dem Washington Highway 20 in Richtung North Cascades National Park. Während die meisten Bundesstaaten ihre Umrisse als Hintergrund der Schilder der Straßennummerierung gewählt haben, findet man in Washington das Konterfei des ersten Präsidenten auf den Schildern.
Zunächst geht der Highway noch durch ein breites Tal, wendet sich dann aber in ein Seitental und beginnt die Steigung in die Berge. Nun geht es stetig bergauf und vor der Windschutzscheibe beginnt das große Kino. Immer schroffer werden die Felswände, immer mehr schneebedeckte Passagen, Grate und Gipfel kommen ins Blickfeld.
Nach einer großen Serpentine erreichen wir den Washington Pass, mit 5.473 ft oder 1.668 m höchster Punkt des North Cascades Highways. Direkt hinter der Passhöhe führt eine Stichstraße zu einem Lookout. Und was für einen: Man steht auf einem Ausgucksfelsen direkt über der Straße und der Serpentine, die man vorher hochgefahren ist, umgeben von Felszacken, die den Dolomiten alle Ehre machen würden.
Nach einer kurzen Abfahrt schwingt sich die Straße noch einmal auf zum Rainy Pass, 1.480 m hoch. Hier kreuzt der PCT, der Pacifik Crest Trail, die Straße. Für mich Fernwanderer ein echtes Highlight. Und tatsächlich kommen wie am Carsons Pass am Lake Tahoe auch hier zwei Hiker mit großen Rucksäcken aus dem Wald.
Von nun an geht es bergab, bis nach Conrete unten in der Ebene sind über 1.400 Höhenmeter abzubauen. Die Höhe geht, was bleibt ist die Kulisse: Herrliches Hochgebirge in jeder Richtung, es ist eine Freude, hier zu fahren.
Im Radio läuft derweil eine Aufzeichnung des letzten Konzerts von Billy Joel im Madison Square Garden. Wir beide mögen seine Musik sehr und genießen die Fahrt mit dieser Untermalung umso mehr. Gänsehaut dann beim Song NEW YORK STATE OF MIND: Die Liedzeile "Been high in the Rockies" scheint wie für uns heute gesungen.
Fast jeder Berg ist hier vergletschert oder trägt zumindes in hohen Lagen noch Schnee. Und dies trotz der vergleichsweise geringe Höhe der Berge; kein Gipfel "knackt" hier die 3.000 m. Die Nähe des feuchten Pazifik sorgt für viel Niederschlag.
Am Diablo Lake Overlook hoch über dem See steigen wir aus: Das türkise Gletscherwasser gibt dem fjordartigen Gewässer eine einzigartige Färbung, wie ein Farbklecks im Gebirge.
Ein Stück weiter ist die Straße bis auf Seehöhe angestiegen. Hier machen wir Pause und setzen uns an den Kiesstrand, ich gehe sogar kurz ins Wasser. Es ist absolut eiskalt und kaum auszuhalten, erfrischt aber bei der heutigen Hitze ungemein. Außer mir geht nur noch ein anderer Mann hinein, die vielen anderen am Ufer genießen den Strand und die Aussicht.
Unterhalb der Staumauer des Sees liegt Newhalem auf nur noch 153 m Höhe. Zur Zeit des Stausee- und Kraftwerkbaus führte bis 1954 eine Bahnlinie bis hier herauf und war die einzige Möglichkeit, Menschen und Matrial in diese damals noch völlig abseitige Gegend zu bringen. Zur Erinnerung an diese längst abgebaute Strecke steht eine schön restaurierte Dampflok in einem kleinen Park.
Am Rand von Newhalem befindet sich auch das Visitor Center des Nationalparks. Wie immer stehen Stempel und Postkartenkauf auf dem Programm sowie die Erreichung des Junior Ranger Abzeichens für Oskar. Er muss diesmal keinen Schwur ablegen, als wir der Parkrangerin erklären, dass er noch kein Englisch verstehen kann. Sie hat deutsche Wurzeln und kann - "remembering High School" - auch ein paar Brocken Deutsch, was Oskar wieder sehr freut.
Danach plaudern wir noch ein wenig mit ihr. Sie war ursprünglich Stewardess bei American Airlines und ist nun nach ihrer Pensionierung hier als Volunteer, also freiwillige Helferin tätig. Die Nationalbark- Behörde bezahlt sie zwar nicht dafür, ermöglicht ihr als Gegenleistung für ihre Bemühungen jedoch eine Unterkunft im Nationalpark.
Ein kurzes Stück weiter erreichen wir die Parkgrenze. Auch wenn wir den Nationalpark nur auf der Durchfahrt erleben konnten - es gäbe natürlich auch eine Fülle von Wanderwegen, aber keinen die Hauptstraße verlassenden Scenic Drive - sind wir rundum begeistert. Was für Aussichten, welche Panoramen wurden uns geboten. Und der den Nationalpark durchquerende Highway ist einfach nur phantastisch, für uns wieder einmal eine der schönsten Straßen Amerikas.
Die Washington 20 führt nun weiter durch ein flaches Tal zu Füßen des Mount Baker, einem kaum noch als solchen erkennbaren Vulkan.
In Concrete verlassen wir den Highway und drehen eine Runde durch das gemütliche Zentrum. Der Ort war früher Boomtown der Zementfertigung, was einen gewissen Wohlstand mit sich brachte, der auch heute noch zu erahnen ist.
Neben dem Kino befindet sich ein im Retro-Stil gehaltener Eisladen. Hier können wir nicht widerstehen und werden nicht enttäuscht. Das Eis ist mega lecker, Oskar schleckt Superman, Susanne Strawberry-Cheesecake und ich Peanut Butter, und als Clou werden die Waffeln noch wie früher mit einem Waffeleisen ganz frisch hergestellt und das Eis in die noch heiße Waffel eingefüllt. Das haben wir so auch noch nicht gesehen, und schmeckt natürlich noch besser.
Nach Concrete verlassen wir die Bergzone und fahren ein in die fruchtbare Ebene nördlich von Seattle. Der Pazifik ist auf einmal wieder sehr nah.
Unsere Unterkunft liegt im Wald von Mount Vernon. Hier stehen weit verstreut entlang einer Schotterstraße kleine Kabinen-Häuschen auf Rädern, kaum größer als ein Campervan, die "Postcard Cabins".
Ein pfiffiges Inneres, geschmackvolle Einrichtung und eine Lage in der völligen Stille des Waldes lassen den Körper sofort auf Erholung umstellen.
Wir können wieder draußen zu Abend essen, bis die Mücken uns irgendwann reintreiben, winzige dreiste Biester, die das Insect Repellant zunehmend ignorieren.