Während wir vor dem Hotel das Auto beladen, ist in der Ferne das unverkennbare Hupen eines Zuges zu hören. Besteht die Chance, heute einen Zug zu erwischen? Wir fahren durch Sandpoint zurück und wieder auf die Brücke über den Lake Pend Oreille. Auf der benachbarten Eisenbahnbrücke sehen wir tatsächlich einen Kesselwagenzug über den See fahren. Bei voller Fahrt an Susanne vorbei durch die heruntergelassene Fahrer-Seitenscheibe gelingt ein für die Situation brauchbares Erinnerungsfoto.
Der Lake Pend Oreille - gesprochen pond-er-AY - entstand durch die Überschwemmungen der Eiszeit und ist mit 1.150 ft beziehungsweise 351 m der fünfttiefste See der USA. Er ist so tief, dass die US Navy ihn als Forschungsbasis für Sonartests benutzt.
An seiner südlichen Bucht unterhielt die US Navy während des II. Weltkriegs ein Ausbildungslager für Rekruten; zwischen 1942 und 1946 wurden hier weitab vom Meer 293.000 künftige Matrosen ausgebildet.
Am deutlich kleineren Lake Cocolalla haben wir den Zug auf der parallel verlaufenden US 95 eingeholt. Ein zweites Mal klickt die Kamera, sowie ein drittes Mal an einem Bahnübergang etwa 10 Meilen südlich.
Susanne ist schon seit langen in Zugverfolgungen geübt und hat auch die notwendige Geduld für den Bahnfoto-Spleen ihres Mannes. Oskar zählt derweil die Waggons und kommt auf 120, die von jeweils zwei Loks gezogen und geschoben werden.
Über die US 95 kommen wir wieder nach Coer d'Alene und fahren einmal durch die City. Uns gefällt es hier ganz gut, der bis in die Innenstadt hereinragende See bringt natürlich auch ein besonderes Flair, das Rapid City nicht hat. Über Moskau kommen wir wieder auf die Interstate I-95.
Nach wenigen Minuten die Grenze nach Washington, der letzte für uns neue Bundesstaat auf dieser Reise.
Hinter der Grenze liegt Spokane.
In und im Umfeld der Metropole von Ost-Washington leben 600.000 Menschen. Dadurch ist Spokane die größte Stadt zwischen Seattle und Minneapolis. Die Wurzeln der Stadt reichen zurück bis 1810: Damals hatte die Northwest Fur Company am Little Spokane River einen Handelsposten errichtet - die erste nicht- indianische Siedlung im Nordwesten.
Bei wolkenlosem Himmel und inzwischen drückenden 31 Grad beschränken wir die Stadtbesichtigung auf das Notwendigste: Wir schauen uns die Spokane Falls an, über die der kristallklare Spokane River hinabrauscht und drehen eine kurze Runde durch den Riverfront Park, Überbleibsel der Weltausstellung von 1974.
Downtown besichtigen wir noch das historische Davenport Hotel von 1914 an. Hinter der relativ schlichten Fassade verbirgt sich die luxuriöseste Herberge zwischen Seattle und Chicago, Präsidenten und Filmstars stiegen hier ab. Und tatsächlich ist viel Glanz zu spüren, in der prächtigen Lobby oder in den historischen Ballrooms, von denen einer offen steht und Oskar zu einer Tanzeinlage animiert. Wir tun so, als wären wir Gäste und entdecken im 1. Stock auch noch die dem Dogenpalast in Venedig nachempfundene „Hall of the Doges", Prunk und Pracht vergangener Zeiten. Was mögen hier im Laufe der Jahre für rauschende Feste gefeiert worden sein? Ein Hauch von THE GREAT GATSBY weht auf jeden Fall durch dieses Haus.
Weniger Glück haben wir eine Autostunde später am Fort Spokane am Columbia River. Im Reiseführer wird der alte Militärstützpunkt, der später unter anderem auch als Tuberkuloseklinik und Indianerinternat diente hoch gepriesen. Jedoch verbirgt sich hinter dem National Monument eine hitzeflirrende Freifläche, da von den einst vielen Gebäuden nur noch zwei erhalten sind. In einem wäre sogar ein Visitor Center untergebracht, in dem man weitere Informationen bekommen könnte. Dieses hat jedoch aus unerfindlichen Gründen geschlossen.
Der sich anschließende Scenic Byway hoch über dem zum Lake Roosevelt aufgestauten Columbia River ist eine ähnliche Pleite. Nur für wenige Kilometer führt uns der lange Umweg tatsächlich am Fluss entlang, einen echten Ausblick über das tiefblaue Wasser hat man jedoch kaum.
Eindrucksvoller ist dann der monumentale Grand Coolee Dam, an dem wir direkt vorbeikommen. Erbaut im Rahmen des New Deal unter Präsident Franklin Delano Roosevelt - nach dem der 240 Killometer lange Stausee benannt ist - und fertiggestellt 1941, ist dies immer noch das fünftgrößte Wasserkraftwerk der Welt. Die Staumauer ist fast 1,6 km lang und 168 m hoch und als gerader Betonwall konstruiert; ihre Höhe wurde so gewählt, dass der Stausee nicht weiter als bis zur kanadischen Grenze reicht. Ein wenig Wasser fließt über die Kante, wie ein Zwerg steht man vor diesem Betondamm, der wie die Kulisse eines gigantomanischen Science Fictions wirkt.
Nun fahren wir über einsame Straßen weiter nach Winthrop, unserem Übernachtungsort am Eingang zum North Cascades National Park.