Heute steht Seattle auf unserem Programm, jedoch keine Stadtbesichtigung, sondern der Besuch von zwei Orten, die uns hier wichtig sind.
Wir fahren über die Interstate 5 südwärts und haben in Everett bald den Großraum der Metropole erreicht.
Wie so oft an der Westküste haben wir das Gefühl, dass hier dem ruhigen Autofahren in Amerika abgeschworen wird: Es wird hektisch überholt, dicht aufgefahren und das Tempolimit ignoriert.
Eine Besonderheit ist die innere der drei oder vier Richtungsspuren: Sie ist Bussen und Fahrgemeinschaften ab zwei Personen vorbehalten. Außerdem dürfen hier Motorräder fahren, was in unseren Augen die normative Kraft des Faktischen darstellt, da die Biker hier sowieso ihre eigene Anarchie auszuleben scheinen. Wir sind zwar zu mehreren im Auto, trauen uns aber nicht so recht auf die Spur. 530 Dollar werden bei Miss-Nutzung der Spezialspur fällig, mahnen Schilder; das macht einen als Ortsfremden nicht unbedingt mutiger.
Wir sehen dann auch prompt einen Motorradpolizisten mit Sirene, der ein Auto mit nur einer Person an Bord aus dem Verkehr auf den Standstreifen begleitet.
Als die Autobahn Seattle erreicht, stehen wir prompt im Stau. Das Navi lotst uns auf eine innerstädtische Straße, und schon sind wir in bestem Stadtverkehr unterwegs. Die dabei durchfahrenen Viertel machen einen guten Eindruck, einmal sind sogar die Berge im Olympic National Park in der Ferne zu sehen. Übermorgen werden wir dort sein, hoffentlich bei ähnlich schönem Wetter.
Im Umfeld des Kerry Parks, unser erstes Ziel, werden die Straßen schmaler und steiler, fast hat man den Eindruck, in San Francisco unterwegs zu sein.
Der Park bietet eine herrliche Aussicht auf Downtown Seattle mit Hochhäusern, Hafen und dem charakteristischen Fernsehturm. Die Sonne scheint, beste Bedingungen also für diesen Lookout.
Die Sicht geht jedoch noch weiter, und ich bekomme eine Gänsehaut: In der Ferne ist hinter der Skyline der Vulkankegel des Mount Rainier zu sehen. Der schnee- und eisbedeckte, fast 4.400 m hohe Berg wirkt absurd hoch, wie ein unpassend gewähltes Hintergundbild, dazu die klassische Form eines Vulkankegels und die Stadt als Vordergrund. Sagenhaft.
Nachdem wir uns von diesem Panorama losgeeist haben, fahren wir weiter, ein Stück durch die Innenstadt, dann wieder auf die Interstate nach Süden.
Seattle ist die Heimat von Boeing; der Flugzeugbauer unterhält im Süden der Stadt auf dem Gelände eines seiner Flughäfen, dem "Boeing Field" und ein Museum, das "Museum of Flight".
Von den Exponaten her ist dies ein Museum der Supelative, klar, Boeing kann aus dem Vollen schöpfen. Eines der Highlights der Ausstellung ist der Prototyp der Boeing 747, der in den Farben des Erstfluges, einschließlich der Sticker der bestellenden Fluggesellschaften, und innen in Testflugkonfiguration präsentiert wird. Erhalten sind die Sitze der Techniker, die die ersten Flüge überwachten. Direkt daneben steht die Air Force One-707, mit der Richard Nixon 1972 zum damals spektakulären Erst-Besuch eines US-Präsidenten nach China geflogen ist. Auch hier sind weite Teile der Original-Inneneinrichtung erhalten, unter anderem der Präsidenten-Konferenzraum und die Kommunikationszentrale auf dem Stand der damaligen High Tech mit Fernschreiber, elektrischer Schreibmaschine und Scrambler-Telefonen.
Und so geht es weiter: Eine SR-71 Blackbird, auch 40 Jahre nach Außerdienststellung immer noch gespenstisch-futuristisch. Eine Concorde, innen eng und - wie Oskar gleich bemerkt - mit erstaunlich kleinen Fenstern.
Eine Boeing 727 in den zeitgenössischen Farben von UNITED, bestens erhaltenene Flugzeuge aus dem II. Weltkrieg, das erste Postflugzeug der Route New York - San Francisco, ein Sikorski-Helikopter der Coast Guard und und und...
Der Raumfahrt-Teil fällt dagegen etwas ab, wenn man schon im Kennedy Space Center oder in Houston war. Hier gefiel mir vor allem der originale Raumanzug von Astronauten-Urgestein John Young von seiner Apollo 10-Mission; für mich eigentlich der Astronaut schlechthin, der zwischen Gemini und dem Space Shuttle alles geflogen ist, sechs mal im All war einschließlich einer Landung auf dem Mond.
Wie hat uns das Museum insgesamt gefallen? Wir haben inzwischen schon viele solcher Museen angeschaut, von der Privatsammlung von Thomas Staffort in Weatherford OK bis zum Pima Air & Space Museum in Tucson AZ. Obwohl die Flugzeugsammlung hier in Seattle über jeden Zweifel erhaben ist, wirkt ihre Darbietung erstaunlich unstrukturiert und völlig überladen. Es fehlt irgendwie der Fokus auf das Wesentliche.
Fun Fact: Im gesamten Ausstellungsbereich wird, obwohl doch die Geschichte der Luftfahrt beginnend bei den Flügen der Gebrüder Wright am Strand von Kitty Hawk bis zum Space Shuttle bestens dargestellt ist, kein einziges Mal das Wort AIRBUS genannt. Einzig die Concorde steht für den europäischen Flugzeugbau. Boeing ist wohl nicht gut auf die Konkurrenz zu sprechen.
Beim Losfahren werfen wir noch einen Blick auf die auf dem "Boeing Field" zur Auslieferung abgestellten 767-Tanker der Air Force und sehen auch eine flammneue 737Max der MEXICANA beim Bremstest auf der Runway. Dann ordnen wir uns in den abendlichen Berufsverkehr ein.
Am Stadtrand von Auburn führt der Highway über einen Güterbahnhof mit vielen abfahrbereiten Zügen hinweg, einen erwischen wir dann ein paar Meilen später für ein Portraitfoto.
Der Mount Rainier hat sich inzwischen sein Wolkenkleid übergestreift und ist kaum noch zu sehen.
Unser heutiges Domizil liegt etwas östlich von Auburn nahe des Flaming Geyser State Park. Das Grundstück, auf dem sich unser "Cottage in the Woods" befindet, ist ein parkähnliches Gelände. Die minutiöse Beschreibung, um durch das Eingangstor zu komnen, gleicht der Anleitung eines Escape Room-Spiels. Erlangt man mit dem richtigen Code am Tor die Fernbedienung und drückt die richtige Taste der Fernbedienung in der richtigen Reihenfolge, öffnet sich das Tor. Den Code für das Cottage erfährt man in Runde 2. Das Häuschen ist dann ein kleiner Traum: Außen und innen total gemütlich und liebevoll ausgestattet. Wir fühlen uns sofort heimisch und setzen uns erst einmal für ein Ankunftsbier in die Schaukelstühle auf der Veranda, während Oskar eine Hängematte für sich entdeckt hat.
Im Badezimmer läuft währenddessen eine Waschmaschine, die erste Wäsche seit Greybull WY und dringend erwartet.