Gerne hätten wir in dieser gepflegten und ruhigen Unterkunft noch eine zweite Nacht verbracht, denn wir haben uns sehr wohl gefühlt. Aber das weiß man ja erst, wenn man vor Ort ist; Kommentierungen im Internet sind nie verlässlich, wie wir auf dieser Reise ja auch schon erfahren durften.
Wir folgen weiter der 101 nach Süden, heute zum letzten Mal an der Küste entlang. Durch Trinidad wählen wir eine kleine Straße, die noch näher am Ozean verläuft. Mehr als einen schönen Meerblick erhaschen wir jedoch nicht.
Eine weiteren tollen Blick auf die See bietet ein Rastplatz am Highway, direkt über der Mündung des kleinen Mad River. Auf einer Sandbank am Fluss liegen Seelöwen in der fahlen Sonne, andere paddeln durch das Wasser. So schön, wenngleich ziemlich entfernt, haben wir diese Tiere seit San Francisco nicht mehr gesehen.Jedoch ist und bleibt dieser Lookout ein Autobahnparkplatz mit entsprechendem Publikum, so dass wir bald weiterfahren.
Nachdem die 101 die seltsam schlammige Küstenlagune der Arcata Bay umrundet hat, führt sie nach Eureka hinein. Hässliche Straßenzüge reihen sich rechts und links auf; wenn die Kleinstadt hübsche Stellen hat, bleiben sie uns auf der Durchfahrt verborgen.
Unser heutiges Highlight ist noch einmal von den Redwoods geprägt, denn wir wollen die Avenue of the Giants durchfahren, eine kleine, etwa 50 Kilometer lange Straße durch den Humboldt Redwood State Park, an der entlang viele eindrucksvolle Sequoiawälder zu finden sind. Wir verlassen die 101 am südlichen Anfang der Avenue beim 120 Seelen-Dorf Phillipsville, nehmen einen Info-Zettel aus einer Box am Straßenrand und folgen dem Scenic Drive nordwärts. Verschiedene markante Punkte sind auf dem Flyer vermerkt, gleich der erste führt uns mit einem Spaziergang hinein in einen eindrucksvollen uralten Sequoia-Wald. Unter den riesigen Bäumen herrscht ein besonderes Licht, und es liegt ein ganz besonderer Duft in der Luft, wie nach altem Holz; „altehrwürdig“ ist die passende Beschreibung, die diesem Duft vielleicht am nächsten kommt.
Einige Kilometer weiter liegt ein umgestürzter Baum am Straßenrand, dessen Wurzel sich steil aufgerichtet hat. An ihrer Dimension erkennt man von Nahem, welche riesigen Bäume hier stehen. Sehr eindrucksvoll.
Im Visitor Center etwa auf halber Strecke sind Bilder von früheren Baumfällungen - als diese noch erlaubt waren - und Dokumente vom Kampf für den Erhalt der Redwood-Wälder zu sehen. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Bäume ins Visier der Holzindustrie geraten. Jedoch konnten Umweltschutz-Organisationen wie der von Theodore Roosevelt gegründete Boone- and Crockett-Club und der Garden Club of America mit verschiedenen Initiativen die Abholzung verhindern. Zeitungsausschnitte zeigen ein weiteres Bild des Parks: Die von verheerenden Fluten, die der das Tal durchfließende Eel River in den 1950er und -60er Jahren angerichtet hat. Ein paar Fahrminuten später verdeutlicht eine Steele mit der Hochwassermarke von 1964, wie hoch das Wasser gestanden hat: Mehr als 10 Meter von der Straße und dazu noch dazu etliche Meter vom Flusspegel aus, kaum vorstellbar. Der heute so idyllisch-friedlich dahinplätschernde Eel River sollte in den 1960er Jahren aufgestaut werden, um Wasser für Zentral- und Südkalifornien bereitzustellen. Dagegen regte sich jedoch enormer Widerstand, auch Ronald Reagan, damals Gouverneur von Kalifornien, weigerte sich strikt, dieses Projekt zu genehmigen. 1981 erhielt der Fluss den Status eines Wild and Scenic River, was ihn auch formal für neue Dammprojekte bewahrte. Doppelter Schutz also für diese einzigartige Region.
Es gäbe entlang der Straße auch noch die Möglichkeit, durch einen der Bäume hindurchzufahren. Für dieses Erlebnis werden jedoch 16 Dollar Gebühr verlangt, die uns dieses Erlebnis nicht wert sind. Statt dessen genießen wir die Fahrt durch die Wälder, fast ohne weiteren Verkehr, denn dieser nutzt die parallele 101, und experimentieren ein wenig mit Fotomotiven auf längeren Geraden der Straße.Nahe ihres nördlichen Endes verlassen wir dann die Avenue of the Giants, denn wir haben noch ein wenig zu fahren. Unser heutiges Ziel ist Redding am Sacramento River, 225 Highway-Kilometer entfernt im Landesinneren und unser Ausgangspunkt für den morgigen Besuch des Lassen Volcanic National Park. Diese Strecke hat es jedoch in sich: Zunächst geraten wir auf der schmalen Straße vor einer Baustelle in einen Stau. Vor uns steht alles still, teilweise haben die Insassen die Autos verlassen und stehen auf der Straße, Gegenverkehr gibt es keinen. Nachdem sich eine Viertelstunde gar nichts getan hat, gehe ich die Autoschlange entlang nach vorne zum Sign Man und seinem Stopp-Schild. Mit meinem Boston Cap habe ich seine volle Symapathie, er sei selbst Red Sox-Fan, dann erklärt er mir, was los ist. Soweit ich es seinem nur teilweise verständlichen Gemurmel entnehmen kann, seien in der Baustelle größere Arbeiten, die die Fahrspur blockieren; aber es gehe bald weiter, „in a few minutes“. Auf dem Rückweg zum Auto bin ich der gefragteste Mann der Autoschlange, fast jeder will wissen, wann es weitergeht. Tatsächlich kommt dann irgendwann der Gegenverkehr aus der Baustelle gerollt, dann geht es auch für uns weiter. In der langen Baustelle ist in der Tat schweres Baugerät am Werk, und es ist deutlich sichtbar, dass hier über die Fahrspur hinweg gearbeitet wurde. Es folgen nun noch mehrere kleinere Baustellen, sämtlich mit Ampeln gesichert, wodurch wir weitere Minuten verlieren, die sich nun insgesamt auf eine knappe Dreiviertelstunde addieren.
Die dann folgenden Kilometer auf der California 36 machen es nicht einfacher, im Gegenteil: Sie entpuppen sich als endlose Bergstraße und bringen Susanne ans Ende ihrer Kräfte. Es geht über mehrere parallel verlaufende Gebirgszüge hinweg, die Trassierung gönnt der Aufmerksamkeit keine Verschnaufpause. „Hier wurden alle Kurven Amerikas verbaut, die anderswo nicht gebraucht wurden“, bemerkt Susanne, und in der Tat reiht sich Kurve an Kurve, es geht wie im Slalom hin und her, bergauf und bergab, durch einsamstes Land, keine Briefkästen an den Einmündungen, keine Schulbushaltestellen, extrem spärlicher Verkehr.
Der höchste der Pässe ist der South Fork Mountain Summit, eigentlich nur bescheidene 4.059 ft hoch, also 1.237 m; dass die Straße jedoch in Meereshöhe beginnt und insgesamt drei nur geringfügig niedrigere Übergänge zu passieren sind, setzt die Höhe in das richtige Verhältnis.
Das Befahren dieser Straße dauert Stunden, und es herrscht schon Abendlicht als wir in Richtung Red Bluff aus den Bergen herausfahren.
Ganz unten ist die Straße den Wellen im Gelände folgend angelegt, was Achterbahn-Feeling hervorruft und zum Schluss nochmal den Spaß am Fahren zurück bringt, besonders wenn Susanne diese Buckel zügig nimmt. Das macht wieder gute Laune und laute Lacher von der Rücksitzbank, was dringend nötig ist nach der zermürbenden Kurvenorgie.
In Red Bluff geht ein Traum in Erfüllung. Wie oft waren wir auf unseren Fahrten in den USA auf einen Bahnübergang zugerollt, aber nie kam ein Zug. Heute ist es anders: Kurz vor Erreichen des Bahnübergangs beginnen die roten Lampen zu leuchten und die Schranken senken sich. Ich steige aus, nehme die Kamera hoch, und da kommt er auch schon angebraust, mit dem typischen Hupen der Lokomotiv-Hörner.
98 Waggons bei drei Loks, zwei vorne, eine im letzten Drittel des Güterzuges, rollen nordwärts fahrend an uns vorbei.
In Redding gibt es zwei Blocks vor dem Hotel einen SUBWAY. Als wir dort um kurz nach 9 aussteigen, zeigt das Autothermometer 38 Grad an, es ist trotz verblassender Abenddämmerung noch brütend heiß.
Unser Hotel, das „Oxford Suites“, macht direkt einen kompetenten Eindruck. Der CheckIn läuft reibungslos, das Zimmer ist riesig und angenehm kühl, und das eben gekaufte Sandwich schmeckt noch besser mit frischen Drinks von der Bar, für die es an der Rezeption Gutscheine gab.