Wenn morgens die Kaffeemaschine nicht funktioniert, geht der Tag schon richtig los. In unserem Zimmer steht dafür eine der hierzulande üblichen Tabs- Maschine zur Verfügung, die zwar die richtigen Geräusche macht, jedoch partout keinen Kaffee ausstoßen will. Ein dickes Minus für diese bis auf den fehlenden Kühlschrank eigentlich nicht allzu zu schlechte, aber aufgrund der Nationalpark-Lage völlig überteuerte Unterkunft. Wobei: Wenn man vom wegen des kaputten Schließmechanismus nicht abschließbaren Fenster absieht, über dessen Scheibe noch dazu ein großer Sprung geht, der talentfrei mit Tesa abgeklebt wurde. Und der Desorganisation beim CheckIn gestern. Alles Kleinigkeiten, aber in Summe dann doch störend.
Beim Auschecken führt dann auch Susanne Antwort auf die Frage "Was everything fine?" zu erstauntem Stirnrunzeln: "It was ok, ok for one night". Was in den USA gleichbedeutend ist mit eben nicht ok, und als Äußerung in dieser Direktheit absolut ungewöhnlich ist. Hier schweigt man lieber über Probleme, um niemanden in Verlegenheit zu bringen.
Wir fahren die Bergstraße wieder hinauf zum Kraterrand. Der Blick heute früh ist betörend schön, das warme Morgenlicht kommt von der richtigen Seite und leuchtet die Insel und den dahinter liegenden Teil des Kraterrandes perfekt aus. Paradiesisch, wie nicht von dieser Welt.
Auch das Visitor Center hat inzwischen geöffnet. Es ist dem irgendwie provisorischem Stil des Nationalparks folgend als solches kaum ausgeschildert, sonst steht immer ein Flaggenmast und eine stolze Tafel der Nationalparkbehörde National Park Service davor, hier nicht. Immerhin gibt es den begehrten Stempel für unser Nationalpark- Stempelbuch. Dieses Stempeln ist nicht nur unser Hobby, sondern das unzähliger Nationalpark- Besucher. Fast immer ist die Stempelstelle umlagert, und man kann sogar kleine Aufkleber kaufen für den Fall, dass man sein Buch vergessen hat: Stempel auf den Sticker, der dann daheim in das Buch eingeklebt wird.
Wir werfen noch einen letzten Blick auf den "Deep Blue Lake" - der Name passt sehr gut, dann brechen wir auf, mit einem leichten Kloß im Hals: Nach diesem letzten großen Highlight beginnt unsere Rückfahrt nach San Francisco, heute Abend schlafen wir bereits wieder in Kalifornien.
Aus dem Vulkangebirge führt eine kaum befahrene Straße durch endlose Waldgebiete in niedrigere Höhenlagen zurück. Mit jedem Kilometer wird es wärmer; hatte es oben gerade 18 Grad, sind es bei der Kaffeepause in Shady Cove bereits 33. Hier halten wir an einer der kleinen Kaffeebuden, die in vielen Orten entlang der Hauptstraßen auf die Drive Thru-Kundschaft warten. Es gibt leckeren Kaffee zu zivilen Preisen, für Oskar ein großes Vanilleeis mit Schokostreuseln, alles wird freundlich zubereitet. Wieder einmal fragen wir uns, warum es so etwas nicht in Deutschland gibt. Shady Cove hat kaum zweieinhalbtausend Einwohner und damit offenbar genug Kundschaft an der Straße.
Weiter geht die Fahrt, während der Kaffee abkühlt; er ist so heiß, dass wir ihn erst 20 Kilometer weiter trinken können. Wir schmunzeln über diese amerikanische Eigenart: Entweder wird alles brühend heiß zubereitet oder mega kalt, dazwischen gibt es nichts.
Nach einigen Meilen auf der Interstate I-5 halten wir in Grants Pass zur Mittagspause. Zum ersten Mal auf unser diesjährigen Tour essen wir bei unserem Stamm-Burgerbrater CARL'S JR. Eigentlich wollten wir heuer den vielfach hochgelobten IN'N'OUT-BURGER ausprobieren, aber es lag im dünn besiedelten Nordwesten keiner auf unserer Route, auch CARL'S waren bislang keine da oder lagen ungünstig.
Auf der US 199, dem "Redwood Highway", fahren wir der Staatsgrenze entgegen. Hinter dem "Welcome to California"-Schild wartet die übliche Inspection-Kontrolle auf uns. Ein gut gelaunter Beamter stellt uns eine nicht verständliche Frage, Susanne antwortet "No" und er winkt uns mit einem "Have a great one" durch.
Nach einem längeren Tunnel wird die Landschaft gebirgig, durch eines dieser endlosen Täler rollen wir mit vielen engen Kurven bergab. Bald kommt schon das Eingangsschild der Redwood National and State Parks. In diesem ausgedehnten, insgesamt 560 Quadratkilometer großen Schutzgebiet unter US- und kalifornischer Obhut werden die uralten Coast Redwood-Wälder bewahrt, 45 Prozent aller noch verbliebenen Waldflächen mit diesen uralten Bäumen befinden sich hier.
Ein Visitor Center direkt am Highway gibt Hinweise zum Besuchen der Parks, die sich von hier aus in mehreren Teilen an der Küste entlang erstrecken.
Obwohl wir hier in Meeresnähe gute zweitausend Meter niedriger sind als noch am Crater Lake, ist es kühler als dort oben. Wieder wirkt der eiskalte Pazifikstrom wie eine natürliche Klimaanlage.
Nur wenige Nationalparks sorgten für so viele Konflikte wie der Redwood. Der Park ging aus einem langen und sogar gewalttätigen Ringen zur Rettung der Sequoia-Bäume - hier "Redwoods" genannt - vor der Holzindustrie hervor. Er rettete schließlich die gesamte Region vor der Umweltzerstörung. Der Kampf begann kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Mitglieder von Organisationen wie der Save-the-Red-woods League sahen, dass die größten Lebewesen der Welt kurz vor dem Verschwinden standen. Mit privaten Spenden und staatlichen Mitteln kaufte der Verein Waldflächen, die in den 1920er-Jahren zum Prairie-Creek-Staatspark, Del-Norte-Coast-Staatspark und Jedediah-Smith-Staatspark wurden.
Als die Abholzung in der Region in den 1960er-Jahren ihren Höhepunkt erreichte, flammte der Konflikt erneut auf. Die Entdeckung des größten Baums der Welt im Tall Trees Grove durch die National Geographic Society verstärkte den Ruf nach Schutz durch den Bundesstaat. Mit Unterstützung einflussreicher Verbündeter wie dem Sierra Club und Lady Bird Johnson gelang schließlich die Gründung des Redwood-Nationalparks.
Ein Jahrzehnt später wurde der Park vergrößert, insbesondere um den Wald mit den größten Bäumen. 1994 vereinbarten der National Park Service und das California Department of Parks and Recreation, die drei Staatsparks und den Nationalpark gemeinsam zu verwalten.
Wir wählen für unseren Besuch die Howland Hill Road im Jeddediah Smith State Park. Diese streckenweise enge und staubige Gravel Road führt in den National Tribute Grove, einen uralten Baumbestand und windet sich stellenweise um die Baumriesen herum.Gegenverkehr sehen wir mit ein wenig Unbehagen entgegen, jedoch sind an den richtigen Stellen Ausweichmöglichkeiten vorhanden, so dass man gut aneinander vorbeikommt.
Nach knapp drei Meilen finden sich dann Parkplätze und -möglichkeiten an der Straße, direkt am Eingang zum Grove of the Titans Trail.
Das "Grove of Titans" ist ein abgelegener, mitten im Urwald gelegener Hain mit mehreren riesigen Sequoia-Mammutbäumem, der erst 1989 entdeckt wurde. Hier finden sich einige der hinsichtlich ihres Holzvolumens größten weltweit bekannten Mammutbäume.
Der Weg zwischen den riesig-hohen Bäumen ist an sich schon beeindruckend. Außer dem schmalen, aber gut ausgebauten Pfad ist man umgeben von dichtem urwüchsigem Wald, selbst wennn man wollte, wäre es kaum möglich, den Weg zu verlassen.
Nach etwa eineinhalb Kilometer erreichen wir dann den Abschnitt der Riesen. Hier sind die Baumstämme so dick, dass es bestimmt zehn Menschen braucht, um sie zu umfassen. Und sie sind so hoch, dass man bei manchen die Spitzem der Bäume nicht erkennen, sondern allenfalls die Unterseite ihres Wipfels sehen kann. Achtzig Meter Höhe sind hier keine Seltenheit, der größte Baum entlang des Wegens ist der "Del Norte Titan", der fast 94 Meter hoch und mehrere hundert Jahre alt ist. Andere Bäume haben mehrere Stämme ausgebildet, die wie parallele Säulen in den Himmel ragen.
Leider gibt es keine über allgemeine Infomationen hinausgehenden Tafeln, die einem ein Gefühl für das Alter der jeweiligen Bäume geben, auch der "Del Norte Titan" ist nicht separat ausgeschildert. Aber auch so sind wir schwer beeindruckt von dieser kleinen Armee von Baumriesen.
Da es inzwischen schon später Nachmittag ist, sind wir auch relativ allein unterwegs, nur noch vereinzelte Paare und Familien sind zu dieser Zeit noch mit uns auf dem Trail. Nicht einsam ist jedoch die Luft um uns herum, denn wir werden beständig umschwirrt von lästigen Mücken, die sich an einigen Stellen in Gruppen auf uns stürzen.
Wieder zurück am Auto fahren wir die Howland Hill Road weiter, die im nachlassenden Sonnenlicht einen noch abgelegeneren Eindruck macht. Unser FORD fühlt sich auf der Piste wohl und nimmt jede Bodenunebenheit mit Eleganz. Uns kommen auf dieser Straße aber auch niedrig gelegte Sportwagen entgegen, deren Fahrer bei der Bodenfreiheit schon deutlich mehr Umsicht haben müssen als wir.
In Elk Valley sind wir dann wieder in ashaltiertem Umfeld unterwegs und stoßen auch bald wieder auf die US 101, der hier "Redwood Parkway" genannt wird. An einigen zum Teil nebligen, zum Teil offenen Küsten-Outlooks vorbei und auch immer wieder durch Sequoia-Wälder fahren wir südwärts.
Hier sagen sich Fuchs und Hase Gute Nacht, und es steht sogar ein leibhaftiger Hirsch auf der Straße.
Heute übernachten wir wieder am Meer. Unsere AirBnB-Unterkunft liegt in einer winzigen Siedlung nördlich von Trinidad direkt an einer Klippe oberhalb des Strandes. Schon beim Aussteigen ist das Meeresrauschen zu hören, eine freie Sicht auf den Pazifik verhindert jedoch wieder der Nebel.
Das Haus ist geräumig und gemütlich, aus der Wohnküche und vom Esstisch schaut man über den Garten hinüber zur Klippe, und in Nebellücken kann man auch von hier aus das Meer erahnen.
Oskar erfreut sich an den überall omnipräsenten Bären - das Motto im Haus -, ob als Plüschtiere, Sofakissen, Bettwäsche oder auf Bildern. Wir Erwachsenen genießen die völlige Abgeschiedenheit dieses Ortes. "Hier könntest Du mit Blick auf das Meer in aller Ruhe Dein Alpenwanderbuch zu Ende schreiben", meint Susanne. Und in der Tat ist dies hier der perfekte Rückzugsort für einen Romanautor; bei Nebel eher für Steven King, bei Sonne vielleicht für Nicholas Sparks.