Auf dem Weg dorthin passiert mir jedoch ein Missgeschick: Beim Versuch, von unserer Unterkunft ein noch besseres Foto zu machen, übersehe ich ein Loch im Boden und stürze in selbiges hinein. Dabei knicke ich übel um, ein heftiger Schmerz im Knöchel, ein noch heftigerer Fluch, als ich wieder Luft bekomme. Erster Check, nachem ich mit Susannes Hilfe wieder auf den Beinen bin: Ich kann auftreten, also nicht gebrochen, aber der Schmerz bleibt, also irgendwas ist schon passiert.
Das Frühstück ist wie gewohnt bei BLACK BEAR sehr gut, der Kaffee wird reichlich nachgeschenkt, die Bedienung ist herzlich und zu einem kurzen Gespräch aufgelegt. Nach dem Essen geht es mir ein wenig besser, wahrscheinlich auch weil der Schock nachlässt.
Trotzdem ändern wir unsere Pläne und fahren erst einmal zum örtlichen WALMART, um eine kühlende Bandage und Eis für die Kühlbox zu kaufen.
Dann geht es aber los, und wir fahren durch die Hafenstadt Port Angeles in den Olympic National Park ein. Dieser bietet für Besucher vielfälltige Möglichkeiten, die sich jedoch nur über zum Teil lange Stichstraßen erreichen lassen.
Direkt von Port Angeles aus startet eine 29 Kilometer lange Bergstraße, die bis hinauf zur Hurricane Ridge führt, dem hochgelegenen Aussichtspunkt auf die hochalpine Bergwelt des Nationalparks, eine seiner drei Hauptlandschaften neben Regenwald und Stränden. Diese Vielfalt macht den besonderen Reiz dieses Nationalparks an der äußersten Nordwestecke der USA aus.
Seine Geschichte ist ein Kampf gegen die Holzwirtschaft, welche die riesigen Waldgebiete und Regenwälder nutzen wollten. Bereits 1897 erklärte Präsident Grover Cleveland einen Großteil der Wälder zur Olympic Forest Reserve, die 1909 von Theodore Roosevelt zum National Monument und 1938 von Franklin Delano Roosevelt zum Nationalpark erhoben wurden.
Bei der Einlasskontrolle brauchen wir etwas Geduld. Es sei oben schon voll, meint die Parkrangerin im Seniorenalter, daher müssen wir kurz hier stehenbleiben. Die Wartezeit bemisst sich dann erstaunlicherweise nicht an der Anzahl der herunterkommenden Autos, sondern sie stellt anderthalb Minuten mit einer Art manueller Eieruhr ein. Als diese schließlich auf 0 heruntergezählt hat, dürfen wir wieder anfahren.
Nach einem Drittel der Hochfahrt halten wir an einem Lookout. Welch ein Blick: Unter uns die Küste, jenseits der "Strait of Juan de Fuca" liegt Vancouver Island, die große der gleichnamigen Stadt vorgelagerte Insel, dahinter das kanadische Festland. Rechts, hinter der Einfahrt in den Pudget Sound, der Bucht von Seattle, ein makellos schöner, von Schnee bedeckter Vulkan. Zunächst denken wir an den Mount Rainier, der müsste aber weiter südlich sein. Ein Blick auf eine Panoramakarte zeigt, dass es der Mount Baker ist, an dem wir vorgestern bei Concrete vorbeigefahren sind, ohne ihn sehen zu können.
Über den Meeresarm zieht langsam Nebel auf, ein spannendes Wetterphänomen, welches durch das eiskalte Meerwasser verursacht wird, über dem die wärmere Luft an Land kondensiert. Sehr oft herrscht dadurch an der ganzen Küste des Nationalparks Nebel und Regen, wodurch hinsichtlich des Wetters ein Besuch einem Lotteriespiel gleicht. Wir haben Glück, denn heute und wohl auch morgen sind sehr gute Bedingungen vorhergesagt.
Weiter geht es bergauf, die hinaufführende kurvenreiche Straße ist sehr gut ausgebaut. Nur die Anbringung der Leitplanken ist nicht nachvollziehbar, manchmal stehen sie an eigentlich unproblematischen Stellen, während sie bei den Passagen direkt am Abgrund oft fehlen.
Ganz oben auf 1.598 m Höhe erwartet uns ein Großparkplatz, auf dem Dank des Einlassmanagements noch freie Plätze bereitstehen.
Hier stand auch einmal ein Visitor Center, jedoch brannte dies 2023 bis auf die Grundmauern ab. Bis irgendwann einmal ein Neubau errichtet ist, sorgen mehrere Container für Ersatz: Einer für die Park Ranger Information, einer für einen winzigen Souvenir-Shop und einer für die sehr saubere Toilette.
Hier stand auch einmal ein Visitor Center, jedoch brannte dies 2023 bis auf die Grundmauern ab. Bis irgendwann einmal ein Neubau errichtet ist, sorgen mehrere Container für Ersatz: Einer für die Park Ranger Information, einer für einen winzigen Souvenir-Shop und einer für die sehr saubere Toilette.
Die Aussicht ist klasse, die Berge der Olympic Mountains sind fast alle frei, auch der Hauptgipfel des gesamten Gebirges, der massiv vergletscherte Mount Olympus. Durch das ihn umgebende Eis wirkt er wie der Großvenediger, auch wenn er nur 2.432 m hoch ist. Da der Mount Olympus und seine Nachbargipfel ein Hindernis für die vom Pazifik kommenden Wolken darstellt, die hier ihre Feuchtigkeit abgeben, ist das Gebiet eines der niederschlagsreichsten Nordamerikas. Auch hier führen die großen Schneemengen trotz der relativ geringen Höhe der Berge zu einem hohen Maß an Vergletscherung.
Bei einem kleinen Rundweg kann man auch noch einmal auf den Meeresarm und hinüber nach Kanada schauen. Mehrere Deers sind hier so zutraulich, dass sie zum Teil nur wenige Meter neben dem Wanderweg im Unterholz stehen. Es gäbe auch noch einen kleinen Trail zu einem Aussichtsgipfel, etwa 50 Höhenmeter oberhalb des Parkplatzes; diesen verkneife ich mir jedoch wegen meines verletzten Fußgelenks. Ich bin froh, dass ich hier überhaupt herumlaufen kann.
Wieder unten in Port Angeles auf Meereshöhe besuchen wir noch das Visitor Center, dann biegen wir auf die US 101 ein. Dieser Highway führt stets am Rand des Nationalparks entlang, die erwähnten Stichstraßen gehen von ihm ab.
Man könnte bei mehr als einem Tag Aufenthalt über eine lange und schmale Straße bis zum Cap Flattery fahren, dem nordöstlichsten Punkt von Mainland USA - also ohne Alaska und Hawaii. Dieser Ausflug ist jedoch nur etwas für Enthusiasten und Leute, die einen halben Tag dafür investieren wollen.
Uns zieht es weiter südlich an die Küste zu den berühmten Stränden. Wir steuern den Rialto Beach in Mora an. Hier türmen sich unzählige Massen von riesigem Treibholz am Ufer, der Strand ist schön zwischen zwei großen Felsen gelegen und - wie man es an einem Feiertag vermutet - ordentlich voll. Wir finden trotzdem einen Baumstamm zum Sitzen, der vielleicht fünf, fünfzig oder fünfhundert Jahre hier liegt. Ich gehe mit den Füßen ins Wasser, auch um meinen inzwischen ordentlich angeschwollenen Knöchel zu kühlen. Das Wasser ist kalt, sehr kalt; ich bleibe in den anlaufenden Wellen stehen, bis meine Fußsohlen taub von der Kälte sind.
Dann sitzen wir noch einen Augenblick einfach so da, lauschen den Wellen und fragen uns, wo wohl das ganze Holz herkommt.
Ein Stück weiter entlang der US 101 liegt Forks, bekannt als Schauplatz der Vampir- Saga TWILIGHT von Stephanie Meyer. Von einem Fan- Boom ist jedoch nichts zu bemerken, lediglich am Strand hatte ein Do It Yourself- Schild selbigen zur Vampir-freien Zone erklärt. Allerdings scheint hier heute Abend eine größere 4th of July- Party stattzufinden, denn es herrscht für solch eine winzige Kleinstadt ordentlich Leben auf den Straßen, und alle Freiflächen sind bereits zugeparkt.
Wir schlafen diese Nacht in der etwas südlicher an einem weiteren Strand des Nationalparks gelegenen Kalaloch Lodge. Unsere Blockhütte ist luxuriös eingerichtet und besitzt sogar einen Schwedenofen mit daneben bereitliegendem Holz. Sie liegt in zweiter Reihe, aber die Brandung ist auch bei geschlossenem Fenster deutlich zu hören.
Dass ich vorhin am Strand barfuß über die runden Kiesel laufen konnte, werte ich als Indiz, dass nichts wesentliches Schaden genommen hat. Gleichwohl haben mich die Schmerzen und der Schock ziemlich mitgenommen und ich bin fix und fertig. Daher lege ich mich auf das große Bett, kühle meinen Knöchel und bette meinen Fuß hoch, während Susanne und Oskar den Strand erkunden.
Als sie wieder da sind, ist es draußen ordentlich abgekühlt. Also machen wir den Ofen an, woduch es schnell muckelig warm wird.
Später geht Susanne noch einmal raus. Passend zu dieser herrlichen Unterkunft gibt es einen perfekten Sonnenuntergang.
Vom berühmten Feuerwerk am Unabhängigkeitstag, für das sich alle an den unzähligen "Fireworks"- Ständen entlang der Straßen eindeckten, bekommen wir nichts mit, im Nationalpark ist da alles streng limitiert beziehungsweise verboten. Und auch sonst war dies fast ein Tag wie jeder andere, wenn man von den Accessoires einiger Kellnerinen bei BLACK BEAR, der Party in Forks und ein paar mit Fahnen geschmückten Autos absieht. Wir hätten eigentlich ein wenig mehr erwartet, schauen jedoch angesichts des Schocks am Morgen und den anschließenden vielen schönen Momenten einem gemütlichen ruhigen Abend sehr entgegen.