Nach dem Frühstück gehen wir drei zusammen zum Strand, damit ich auch sehen kann, wie es hier überhaupt aussieht. Es ist wirklich ein herrliches Fleckchen Erde, die Wellen rauschen an den endlosen Strand, die Sonne scheint, aber es ist ziemlich kühl - der arktisch kalte Pazifik wirkt wie eine Klimaanlage.
Dann nehmen wir Abschied von unserem Blockhaus, das wir richtig lieb gewonnen haben. Dank des Ofens hätte sich hier auch ein typischer nasskalter Olympic-Nebeltag gut überstehen lassen.
Nach dem Auschecken fahren wir wieder einige Kilometer unsere gestrige Strecke zurück zum nördlich gelegenen Ruby Beach. Hier stehen viele Felsblöcke im Meer und am Ufer und geben dem Strand ein besonderes Bild, besonders wenn sie von den Wellen umspühlt werden. So könnte das Paradies aussehen; natürlich mit wärmeren Wasser, denn auch hier verlocken die Temperaturen nicht zum Baden oder in der Sonne liegen, eher ist eine Fleecejacke angebracht, besonders wenn auch noch Wind aufkommt.
Oskar wirft endlos Treibholz wieder ins Meer zurück - hier liegen wieder riesige Haufen bleicher Stämme am Strand -, wir erfreuen uns an den schönen Ausblicken, besonders da wir so früh hier sind und fast noch allein den Strand genießen können.
Mit jeder Minute werden es dann mehr Leute um uns herum, und auch der vorhin noch leere Parkplatz hat sich innerhalb einer Stunde vollends gefüllt, kein Wunder bei diesem für den Nationalpark ungewöhnlich guten Wetter.
Wir fahren nun in Richtung des Regenwaldes, der hier durch den immensen Niederschlag so üppig ist wie sonst nigendswo in den USA -dreieinhalb Meter Niederschlag fällt durchschnittlich je Jahr. Auf dem Weg zum Visitor Center, von dem aus zwei Trails in den Regenwald starten, fallen uns schon die von riesigen Flechten und Moosen behangenen Bäume auf. Je weiter wir ins Landesinnere fahren, desto mehr.
Ein Schild mit Leuchtbuchstaben warnt, dass es am Parkplatz zu Wartezeiten kommen kann: "During peak times expect long delays". Wir sehen um uns herum keine weiteren Autos und denken uns nichts weiter dabei, und wann ist überhaupt "peak time"? Jetzt um kurz vor Mittag?
Wir erhalten die Antwort ein paar Meilen später: Mitten im Wald wandelt sich die vorher leere Straße in eine Stauzone, eine endlose Schlange von Autos steht vor der Einlasskontrolle dieses Nationalpark-Teils. Erst stehen wir, dann geht es langsam vorwärts. Aber ein Ende des Staus scheint nicht in Sicht, Minuten werden zu Viertelstunden, die vergehen.
Dann kommt ein junger Mann zu Fuß aus Richtung Park. Ich lasse die Scheibe herunter und frage ihn, wie lang der Stau vor uns noch ist. "Approximately 130 cars up to the Park Entrance" ist seine Antwort. Au backe, beim momentanen Tempo können wir uns ungefähr vorstellen, wie lange 130 Autos brauchen bis nach vorn. Es bleibt nur eine Entscheidung: Da wir heute noch bis nach Long Beach fahren wollen, brechen wir hier ab. Schade, aber trotzdem verschmerzbar, denn unser Fokus hier im Olympic National Park lag bei den Bergen und den Stränden. Das Glück Regenwald zu sehen und erleben, durften wir ja schon in Australien genießen.
War der Nationalpark spannend und vielseitig, sind die Kilometer südlich so eintönig wie selten. Der Highway 101 führt nur durch Wald, mal in langen Geraden, mal mit ein paar Kurven.
Erst in Hoquam und Aberdeen, einer Doppelstadt an der Mündung des Chehalis River, wird es wieder interessanter. Wir wählen den Byway an der Küste entlang und in Grayland einen Abzweig mit der Beschilderung "Beach Access". Dieser Strandzugang ist jedoch einer der besonderen Art: Er gilt für Autos, und der weitläufige Strand ist die Grayland Beach Road. Wir trauen uns diesen Spaß mit unserem Mietwagen dann doch nicht und fahren ohne langen Strandbesuch weiter.
Die nächste zu überquerende Flussmündung ist die des Willapa River, den wir mangels Brücke erst im weit im Landesinneren gelegenen Raymond überqueren können.
Kurz vor dem heutigen Ziel kommen wir an mehreren Buchten vorbei, die durch die Ebbe teilweise trockengefallen sind.
Dann haben wir das Seebad Long Beach erreicht. Eine lange Hauptstraße führt parallel zur Küste entlang, im Ortszentrum ballt sich die für einen solchen Ort übliche Infrastruktur mit Souvenirshops, Kneipen und Vergnügungsstätten wie Gocart-Bahn oder Bingo-Saal.
Das Hotel, das "Chautauqua Resort & Conference Center", liegt direkt in den Dünen, etwa zweihundert Meter vom Strand entfernt. Nach den aussergewöhnlichen Quartieren der letzten Tage ist diese Touristenbleibe ein deutlicher Schritt zurück. Der erste Eindruck ist nicht der beste, der Aufzug erinnert Susanne in Art und muffigem Geruch an einen DDR-Plattenbau, zum Glück ist das Zimner besser als erwartet.
Vom Balkon aus haben wir Dünen- und ein wenig Meerblick sowie freie Aussicht auf die anderen Hotelgäste, die quirlig-laut auf dem Grundstück vor den Dünen unterwegs sind. Es wird gelacht, gegrillt und geredet, Kinder tollen in Scharen herum, Hunde kläffen, gelegentlich zieht der Geruch eines Joint durchs Fenster. Kurz: Es gibt keinen Augenblick, an dem wir uns nicht zu unserem Blockhaus oder zu unserem Eisenbahnwagen zurück sehnen.
Später gehen Oskar und ich noch an den Strand. Auch hier herrscht Autoverkehr, die wenigsten scheinen unmotorisiert gekommen zu sein. Es herrscht eine lässige Stimmung, besonders wenn einer der Strandfahrer wild spritzend durch die Gischt braust. Dazwischen fährt ein Park Ranger auf und ab und schaut nach dem Rechten.