Absolute Stille. Nichts ist zu hören, als ich aufwache. Dann ein Windstoß. Und noch einer, etwas stärker. Nichts Gutes verheißend.
Ein Check in den Wetterbericht zeigt, dass das gute Wetter hier heute plötzlich Pause macht und ein stürmischer Tag mit Regen angesagt ist. Gestern sah die Vorhersage noch besser aus. Ein erster Blick nach draußen zeigt trotz des aufkommenden Windes einen herrlichen Regenbogen über dem Tal. Sonne von der Prärie trifft auf Regen, der aus den Bergen kommt.
Was tun? Heute in den Glacier National Park rein zu fahren macht wenig Sinn, dort ist alles mit dunklen Wolken verhangen.
Also planen wir um und fahren gleich heute früh hinüber nach Kanada, in den Waterton Lakes National Park. Dort soll das Wetter besser sein.
Beim Losfahren öffnen sich zwei Wolkendecken und zeigen, wie schön es hier ist. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Morgen wollen wir wiederkommen. Am Abzweig von der US89 stehen fünf alte Pickups fotogen aufgestellt. Wir halten an und machen auch ein Foto.
Sie seien aus Calgary und auf dem Weg zu einem Truck Meeting in Montana, erzählt einer der Fahrer. Ob ich aus Deutschland komme, fragt er dann. Er sei für zwei Jahre in Baden-Baden stationiert gewesen, bei der Royal Canadian Air Force. Stimmt, der Flugplatz in Lahr war mal ein kanadischer Fliegerhorst. Sein alter Stützpunkt ist jetzt ein Flughafen für Ferienflieger, antworte ich. Ja, da habe er von gehört, besser als ihn zu schließen, oder? Auf jeden Fall. Ich wünsche ihm und seinen Freunden viel Spaß bei ihrem Truckertreffen, er verabschiedet mich mit "Tschüss".
Auch mit Wolken machen die Rocky Mountains einen tolken Eindruck. Wände, Zacken und Grate sehen mit jeder Minute anders aus, ein fast dynamischer Eindruck.

Dann nähern wir uns der Grenze. Für uns Schengen-verwöhnte Europäer sind strenge Grenzkontrollen inzwischen fast ungewohnt, wir rollen als einzige auf die leer wirkende kanadische Grenzanlage zu. Der Grenzer ist völlig entspannt und begrüßt uns nach einem Blick auf unsere Pässe mit "Guten Morgen". Dann erkundigt er sich nach dem Grund unseres Besuches, möchte noch einen Blick auf den im Fonds sitzenden Oskar werfen, wir wechseln noch ein paar Worte über das Wetter, "we need the rain",
dann reicht er uns die Pässe zurück. "Have a great stay in Canada!"
Die Provinz Alberta - "The Wild Rose Country" - empfängt uns mit einem herrlichen Lookout.
Beim Fotographieren steht neben uns ein älteres Paar aus New Mexico. Sie meint: "This is the most beautiful bordercrossing here." Das kann sehr gut sein, schöner als die uns bekannten im Vorland von Montréal ist dieser auf jeden Fall.
Auffällig ist sofort, dass in Kanada die Geschwindigkeit in den vertrauten Kilometern statt Meilen gemessen werden die "80" auf dem Schild erscheinen uns doch etwas schnell für die kurvige Straße. Wir stellen also auch in unserem FORD die Anzeige im Display auf km/h um, was das „Umrechen“ von Meilen in Kilometer beim Fahren entspannt entfallen lässt.
Zweite Besonderheit ist, dass nun alle Schilder zweisprachig sind, englisch und französisch, die beiden kanadischen Nationalsprachen. Für frankophile wie mich ein Fest. Zwar leben 85 Prozent aller Französisch- sprachigen Kanadier in Québec, doch gibt es bedeutende frankophone Bevölkerungsgruppen unter anderem auch hier in Alberta. Die zweisprachigen Schilder sind also nicht nur bloße Pflicht.
An einem Lookout zeigt sich zum ersten Mal der größte der Waterton Lakes mit den Bergen dahinter. Die Sonne gibt sich alle Mühe; unsere Entscheidung, heute Morgen hierher gefahren zu sein, war die Richtige. 
Eine Frau macht uns auf einige Schlangen aufmerksam, die sich im Gras Sonnen. Sie kommen ihr aus ihrer Heimat in Florida bekannt vor, es seien Garter Snakes, meint die nach einem Blick in WIKIPEDIA als Strumpfbandnattern ausgegeben werden.
Wir fahren den langen Pass herunter und erreichen unten die Einfahrt in den Waterton Lakes National Park, dem kanadischen Teil des Waterton-Glacier-International Peace Parks. Bereits 1932 schufen beide Staaten diesen Doppel-Nationalpark, um sich die Verantwortung für den Schutz zu teilen.
Zu unserer Überraschung ist die Einfahrt kostenlos. Im Rahmen des Canada Strong Pass ist vom 20. Juni bis zum 2. September die Einfahrt in kanadische Nationalparks, die von Parcs Canada betrieben werden, kostenlos, erklärt uns die junge Parkrangerin. Sehr nett von Parcs Canada.
Zwei Aussichtspunkte mit gleichzeitigem See- und Bergblick liegen schön in der Sonne. Einer bietet auch direkte Sicht auf das berühmte Prince of Wales-Hotel, Wahrzeichen des Parks.
In den Bergen haben sich wieder vermehrt Wolken festgesetzt. Trotzdem fahren wir den Akamina Drive zum Cameron Lake hinauf. Das Bergtal ist gezeichnet von einem schon länger zurückliegenden Waldbrand die hellgrauen Baumleichen stehen wie Zahnstocher weit die Hänge hinauf. Beim See im Talschluss angekommen öffnen sich die Schleusen der Wolken, es gießt auf einmal in Strömen. Wir haben Zeit und können den Schauer aussitzen. Dann kommt kurz die Sonne hervor, und wir können zum Bootssteg gehen. Die Felswand des gegenüber liegenden Berges, diese liegt bereits wieder in den USA bleibt jedoch wolkenverhangen. Aber auch so gefällt es uns hier sehr gut. Nur der Wind pfeift ganz schön, was aber zwei Unverdrossene nicht davon abhält, mit einem geliehenen Kajak in See zu stechen und dem Wind zu trotzen.
Eine zweite etwas aussichtsreichere Stichstraße führt zum Red Rock Canyon. Die winzige Schlucht ist von Ausflüglern umlagert, die zum Teil durch das eiskalte Wasser waten. Der Parkplatz ist auch Ausgangspunkt mehrerer Hiking Trails. Zwei Wanderinnen mit großen Rucksäcken waren gerade aufgebrochen, als wir ankamen, ein Pärchen mit zwei kleinen Hunden überholen uns kurz darauf, sowohl die Schuhbürsten zum Abstreifen ortsfremder Samen ignorierend wie auch die deutliche Warnung, dass das Mitführen von Hunden die Gefahr eines Kontaktes mit Grizzlys, Pumas etc drastisch erhöht.
Wir gehen auch ein paar hundert Meter auf dem Wanderweg und sehen bald eine Weißwedelhirsch-Dame kaum zehn Meter neben dem Pfad im Unterholz stehen. Dann wird uns auf dem schmalen Weg im dichten Wald doch etwas unheimlich. Wir fühlen uns hier in der Wildnis - obwohl nur unweit vom Parkplatz entfern - sehr exponiert, im dichten Gestrüpp könnte man einen Bären kaum entdecken.
Wieder unten in Waterton beziehen wir unsere Unterkunft. Wir schlafen in der Bear Mountain Lodge, einem 1950er und inzwischen etwas in die Jahre gekommenen aber liebevoll geführten Motel.
Während wir auspacken, kommen wir mit unseren Zimmernachbarinnen ins Gespräch, Betty und Ruth, zwei herzliche ältere Damen aus Calgary und San Francisco.
Ruth ist von beiden die Schweigsamere, Betty hingegen gibt schnell zu verstehen, dass sie viel und gern redet. Sie erzählt von ihrem Leben, wie Ruth und sie sich kennengelernt haben, sich ihre Wege getrennt und wiedergefunden haben, von ihrer lebenslangen Leidenschaft für Bergsteigen und dass sie nun - 84-jährig - noch kleinere Reisen mit Ruth in ihrem kleinen Honda unternimmt. Sie ist offen von ihrer Art her, erzählt interessante Geschichten. Es macht Spaß ihr zuzuhören. Nur Oskar möchte irgendwann dann doch noch in den Ort, da er in englischer Sprache nicht am Gespräch teilnehmen kann. Betty gibt zu verstehen dass sie durch deutsche Freunde ein paar wenige Wörter sprechen kann. Sie fragt aber doch nach, was „Be quiet, please“ auf Deutsch heißt, legt ihren Zeigefinger an den Mund und gibt Oskar mit einem Augenzwinkern zu verstehen, dass sie nun endlich schweigen wird, damit wir losgehen können.
Im Ort sind wie vor einer Woche in Gardiner am Yellowstone National Park Hirsche heimisch, mitten zwischen den Häusern äsen die Tiere in aller Ruhe. Es gibt sogar Warnschilder, den Hirschdamen mit Hunden nicht zu nahe zu komnen, da sie ihre Kälber gegebenenfalls rabiat verteidigen.
Die Polizeistation wird betrieben von der Royal Canadian Mounted Police. Jedoch stehen vor dem Gebäude keine Pferde, die Mounties benutzen statt dessen einen normalen Polizeiwagen.
Wir kehren ein bei "Pizza of Waterton", einer gerade erst neu eröffneten Pizzeria. Es ist viel los, die Bedienungen haben gut zu tun und bleiben dennoch für ein kurzes Gespräch immer mal wieder am Tisch stehen. Wir werden herzlich bedient, die Pizzen sind reichlich belegt und schmecken hervorragend.
Der Rückweg zum Motel tut nach dem reichlichen leckeren Essen tut. Waterton als Ort, der Nationalpark und vor allem die kurzen aber herzlichen Begegnungen hier in Kanada haben einen besonderen Eindruck auf uns hinterlassen, unsere 2019 bereits geplante und dann durch COVID zwangsläufig abgesagte Reise doch wieder aufleben zu lassen.