Betty ist bereits im Aufbruch, als wir erst den ersten Kaffee trinken. Wieder ist das Gespräch herzlich und zu gleich vertraut, als würden wir uns schon länger kennen. Sie hat für Oskar noch ein kleines Geschenk, was ihn und uns überrascht, dass Betty sich für das lange Reden gestern mit einer kleinen Geste entschuldigen möchte. Wir tauschen unsere Kontaktdaten aus, vielleicht gibt es mal ein Wiedersehen in Calgary?
Wir beginnen den Tag im Visitor Center. Dieses ist sehr liebevoll eingerichtet, im Eingangsbereich wird als Willkommensgruß ein Begrüßungsgesang der Blackfoot-Indianer abgespielt. Im Inneren finden sich unter anderem lebensgroß modellierte Tiere, Filme über den Park und die Ureinwohner. Im Unterschied zu den Visitor Center in amerikanischen Parks ist die Merchandising-Abteilung winzig. Jedoch gibt es auch hier für uns Postkarten sowie den obligatorischen Kühlschrank-Magneten. Und einen Stempel in unseren Nationalpark-Pass bekommen wir ebenso.Ein letzter Blick auf den See, dann verlassen wir bei Regen Waterton.
Witzigerweise sind die USA auf den Verkehrsschildern als EU angeschrieben; zumindest auf den französischen Anschriften. Auflösung: Auf Französisch heißen die Vereinigten Staaten États-Unis.
Es hat uns hier sehr gut gefallen, überhaupt hat Kanada alles dafür getan, Werbung für sich zu machen. Fast ist es ein komisches Gefühl, zurück in die USA zu fahren. Und im Geiste haben wir gestern Abend schon einen zukünftigen Kanada-Urlaub vorgemerkt.
Die Einreiseprozedur verläuft problemlos. Ein erstaunlicherweise nicht unfreundlicher US-Grenzbeamter - das passiert nicht so oft - stellt einige Fragen, wirft wie gestern sein kanadischer Kollege gegenüber einen Blick auf Oskar und die Rücksitzbank, möchte wissen, was wir in Kanada gekauft haben und jetzt einführen - eine Postkarte und ein Kühlschrankmagnet -, dann dürfen wir weiterfahren.
Rasch sind wir wieder in St. Mary, hier scheint heute die Sonne. Wir tanken wieder auf und kaufen noch in einem echten Outback-General Store ein paar Kekse für die Fahrt ein.
Im Visitor Center des Glacier National Park das gleiche Procedere wie heute Morgen im Kanadischen, also Stempel, Postkarte und Magnet, dazu die Nachfrage nach dem hiesigen Junior Ranger Programm. Unsere Fragen beantwortet Heather, eine junge Parkrangerin, die in der High School Deutsch gelernt hat und nun einige Sätze auf Deutsch spricht; vor allem Oskar freut sich, dass eine leibhaftige Park Rangerin Deutsch mit ihm spricht.
Wir fahren die ersten Kilometer durch den Park, da schlägt das Wetter um. Es bilden sich dicke Wolken, und es fängt an zu regnen.
So bleibt uns nichts anderes übrig, als den Schauer auszusitzen, in der Hoffnung, dass der Wetterbericht und seine prognostizierten Aufhellungen richtig liegen. Ich schreibe am Blog-Artikel über den gestrigen Tag, während Susanne und Oskar die Fragen für im Junior Ranger-Programm beantworten, die diesmal richtig knifflig und für Sechsjährige, die mindestens sechs Themen in englischer Sprache bearbeiten müssen, sehr schwer.
Als es nach einer halben Stunde tatsächlich heller wird, fahren wir weiter. So kommen wir in den Genuss schöner Passagen und einiger Lookouts, die wir ohne die Pause nicht gesehen hätten.
Je höher wir kommen, desto spektakulärer wird die Aussicht. Die Berge werden immer schroffer, und auch die dem Park namensgebenden Gletscher kommen in den Blick.
Wegen der vielen Eisfelder und Gletscher war "Glacier" als Name des Parks schon früh gesetzt. Jedoch gab es auch kritische Stimmen, die den Namen als einen für Sommertouristen anziehend wirkenden Nationalpark im sowieso schon kühlen Montana für ungeeignet hielten. Trotzdem blieb der Name Glacier National Park besehen, als er 1910 unter Präsident William Howard Taft begründet wurde.
An einem Lookout treffen wir auf eine Radfahrerin, die mit großen Taschen an ihrem Fahrrad talwärts unterwegs ist. Sie lacht stolz in die Sonne, als ich sie mit ihrem Handy vor den Bergen fotografiere. Sie hat den ganzen Pass bergauf schlechtes Wetter gehabt und auch beim Runterfahren den Schauer erwischt, den wir ausgesessen haben. Welch eine Willensleistung, und dann immer noch gute Laune. Sie verabschiedet sich mit "Auf Wiedersehen" - ihre einzigen deutschen Wörter - winkt Oskar noch einmal zu und fährt weiter. Beeindruckend.
Ganz weit oben findet sich ein Tunnel, dann haben wir die Passhöhe am Logan Pass erreicht, 2.026 m hoch, und damit auch die Continental Divide. Wie die umliegenden Berge der Lewis Range auch ist die Passhöhe für amerikanische Verhältnisse nicht sehr hoch. Aber die relative Höhe zur umliegenden Prärie machen ihn zu einem Hochgebirgs-Übergang. Und der starke Niederschlag lässt im Glacier auch auf diesen niedrigen Höhen Gletscher entstehen.
Hier oben ist auch für uns die Wetterscheide: Der bisherige Wolken-Sonne-Mix schlägt um in ein Waschküchen-Gebräu. Es wird schlagartig dunkler, als wäre es schon Abend. Trotzdem ist nicht alles verborgen, wir können immer noch einiges erkennen. Die Straße verläuft nun viel mehr in einem steilen Hang und wurde teilweise in Felswände eingeschlagen.
Die Berge hüllen sich in Wolken, erlauben aber trotzdem gelegentlich einen Blick auf ihre Ausmaße. Einmal zuckt ein Blitz am Gegenhang, das Gewitter bleibt aber dort.

Dann Blaulicht in einer Parkbucht, wieder ein Parkranger in Aktion. Er hat ein Wohnmobil angehalten, dass sich trotz des für Fahrzeuge über 21 Fuß Länge geltenden Fahrverbotes auf die Passstraße gewagt hat. Wir sehen den Ranger mit Strafzettelblock aussteigen und fragen uns, wie teuer das wohl wird - immerhin sind wir in einem Nationalpark - und ob das Wohnmobil umdrehen muss; eigentlich ja, den sonst bringt ja das Fahrverbot nichts.
Beim weiteren Weg hinab fängt es nun an, richtig zu regnen. Dadurch wird die schmale Straße noch gespenstischer. Trotz ein paar enger Stellen lässt sie sich aber gut fahren, auch weil wir in der heiklen Passage auf der Felsen- und nicht der Abgrund-Seite fahren. Susanne macht das richtig gut.
Ein letzter Ausguck bietet sich am Heavens Peak, dann tauchen wir in die Baumzone ein.
Nun ist es eine normale Straße, die bald den Talboden erreicht und durch dichten Wald aus den Bergen herausführt. Einige Meilen folgen wir noch dem lang gestreckten Lake McDonald, dann ist die Parkausfahrt erreicht. Leider schließt das hiesige Visitor Center um 17:30 Uhr, und wir sind eine Viertelstunde zu spät dran. Damit klappt auch nicht mit Oskars Junior Ranger- Abzeichen.
Über normale Straßen verlassen wir nun das Gebirge, rechts und links kilometerlsng noch Übernachtungs- und sonstige Freizeitinfrastruktur, die sämtlich irgendwie "Glacier" im Namen tragen. "Preiswerter wird es erst wenn die Motels und Lodges nicht mehr alle Glacier im Namen tragen" meint Susanne süffisant; sie als unsere Quartiermeisterin muss es wissen.