Pünktlich zur finalen CheckOut-Zeit um 11 Uhr rollen wir vom Hof und auf der Montana 35 am Flathead Lake entlang, der deutlich größer ist als wir zuerst gedacht haben. Er ist der größte See in Montana, gleichzeitig der größte Süßwassersee im Westen der Vereinigten Staaten. Er ist benannt nach dem Indianerstamm der Flathead, zu deren Reservat heute die Hälfte des Sees gehört. Ähnlich dem Ungeheuer von Loch Ness soll auch im Flathead Lake ein geheimnisvolles Untier leben, das „Flathead Lake Monster“. Zuerst wurde es angeblich von den Indianern gesehen, die meisten Sichtungen stammen aber aus dem Jahre 1933, als 78 Menschen das Ungeheuer gesehen haben wollen.
Wir sehen heute keine fremden Wesen, auch weil der See umfassend von Privathäusern, Kirschplantagen und sonstigen Absperrungen umgeben ist. Viele Kilometer fahren wir an seinem Ufer entlang, sehen jedoch kaum etwas. Nur an einer Stelle können Oskar und ich zu einem kleinen Steg hinabklettern.
Im am Südende des Sees gelegenen Ort Polson steuern wir den örtlichen WALMART an. Nach Tagen im Outback müssen wir unbedingt unsere Vorräte auffüllen. Vom Parkplatz aus hat man noch einmal einen schönen Rückblick auf den See.
Ich nutze den Besuch des Supercenters gleich auch zum Kauf einiger Jeans, die hier spottbillig sind.
Während der Anprobe der Jeans wird Susanne von einem netten älteren Herren angesprochen, der ebenso vor den Umkleidekabinen auf seine Tochter wartet. Auf die Antwort woher wir kommen, wechselt er von Englisch auf Deutsch. 1961 als 18-Jähriger ausgewandert, hat er als Elektriker lange Zeit in San Francisco gelebt und hat seinen Alterswohnsitz hier am Fleathead Lake gefunden. Ursprünglich stammt er von der nordfriesischen Insel Pellworm und man hört seinen norddeutschen Dialekt noch immer raus. Für Susanne besonders schön, alte „Heimatklänge“ zu hören.
Als als auch noch seine Tochter und ich nach getaner Anprobe dazu stoßen, verplaudern wir uns mitten im riesigen WALMART zwischen Fitting Rooms und Kinderkleidung ein wenig über Amerika und Deutschland, das Auswandern hierher und die Einbürgerung vor langer Zeit. Zum Schluss gibt es noch einen Einkehr-Tipp für einen guten Diner in San Francisco, wenn wir das nächste Mal dort sind.
Weiter geht es südwärts, zu Füßen der Gebirgskette der Mission Range entlang. Werden auch sonst schon viele Fliegen Opfer unserer Windschutzscheibe, klatscht uns hier ein Mega-Insekt auf die Scheibe und hinterlässte eine fetten Blutfleck - der ekligste „Tierunfall“ unserer bisherigen Reise. Die Insekten auf der Scheibe erfordern täglich Fensterreinigungsstopps an den Tankstellen, denn ohne klare Sicht kein sicheres Fahren und keine Fotos vom Beifahrersitz.
In Dixon, dessen Einfahrt von einer riesigen Donald Trump-Huldigungs-Tafel verziert wird, treffen wir auf den Flathead River, einen träge dahinfließenden durchaus stattlichen Fluss mit glasklarem Wasser, auf dem heute der ein oder andere Sonntags-Angel- oder Schlauchbootausflug stattfindet.
Durch das Tal des Clark Fork kommen wir schließlich zur Interstate 30. Diese hatten wir zwischen Sheridan und Devils Tower bereits in östlicher Richtung benutzt, heute fahren wir westbound in Richtung Seattle auf.
Über etliche Kilometer folgt die Autobahn einem kleinen Tal bergauf, mit zum Teil sehr engen Kurven. Am Lookout Pass auf 1.436 m Höhe haben wir den höchsten Punkt des Tages erreicht. Hier oben befindet sich ein kleines Skigebiet, das für seinen Pulverschnee bekannt ist, sowie die Staatsgrenze zwischen Montana und Idaho, aber kein Lookout. Da hier auch die Zeitzone wechselt, ist der Tag auf einmal für uns eine Stunde länger. Nord-Idaho, der sogenannte "Idaho Penhandle" nutzt bereits die Pacific Time, während der Rest des Staates noch in der Mountain Time Zone liegt. Auch hier wieder innerstaatliche Zeitverwirrung.
Nun geht es steil hinab ins Silver Valley, eine früheren Zentrum des amerikanischen Silberbergbaus.
Eine der alten Minenstädte ist Wallace. Hier machen wir Pause und spazieren durch den unter Denkmalschutz stehenden Stadtkern. Klassische Backsteinhäuser, gut erhaltene Leuchtreklamen und eine entspannte Atmosphäre, hier gibt es viel zu entdecken. Leider hat das Eisenbahnmuseum zu, und als wir statt dessen das im Tourist Office untergebrachte Minenmuseum anschauen wollen, hat dies auch gerade zugemacht; eine Viertelstunde vorher waren wir noch dort und hatten uns einen Stadtplan geholt. Jetzt gäbe es nur noch ein Bordell-Museum anzuschauen - was es alles gibt -, aber Eintritt erst ab 21. Dafür erfahren wir, dass in Wallace bis 1993 die letzte Ampel der Interstate 90 auf ihrem Weg von Boston nach Seattle hing, bis die Autobahn den Ort auf einer hässlichen Brücke umfahren konnte. Die Ampel, "die so lange tapfer Wache über die Bürger der Stadt gehalten hat", wurde damals in einem feierlichen Akt abgenommen und von trauernden Menschen zur letzten Ruhe ins Museum gebracht.
Einige Kilometer weiter Trauer ganz anderer Art: Mit einem Memorial wird den Opfern des Sunshine Desasters gedacht. In der Sunshine-Silbermine, mit 100 Meilen Stollenlänge die größte Silbermine der USA, brach 1970 ein Feuer aus, das 91 Bergleuten das Leben kostete, eine der größten Katastrophen im amerikanischen Bergbau.
Kellogg, der nächste Bergbau-Ort, hat eine ganz andere Geschichte zu bieten: Im legendären Minenarbeiter-Streik von 1899 eskalierte der Arbeitskampf. Die Arbeiter, die gegen ihre schechtere Bezahlung im Vergleich zu den benachbarten Minen protestierten, ließen einen mit Dynamit beladenen Lorenzug in den Schacht einfahren, dessen Explosion die gesamte Mine zerstörte. Diese bürgerkriegsähnlichen Umstände konnten nur durch den Einsatz der ins Silver Valley entsandten Armee eingedämmt werden. Heute ist Kellogg ein Ort mit Lost Place-Charakter, fast alle Geschäfte stehen leer und Gebäude verfallen; kein Vergleich zum bestens erhaltenen Wallace.
Wir fahren wieder auf die Interstate auf. Kurz vor Coeur d'Alene stehen wir dann im Stau. Zwei Baustellen bedingen eine Verengung von zwei auf einen Fahrstreifen. Wir sind verwundert, dass es sich auf der vorher nur mäßig frequentierten Autobahn so stauen kann. Schnell entdecken wir des Rätsels Lösung: Die Amerikaner kennen das Reißverschluss-Verfahren scheinbar nicht und rücken schon hunderte von Metern vor der Engstelle auf eine Fahrspur zusammen. Wer auf der anderen noch lang nicht gesperrten Fahrspur weiterfahren will, wird von einzelnen aufmerksamen Autos aufgehalten, die auf die in ihren Augen freizuhaltende Spur mittig rausziehen und sie versperren. Kleinere Fahrzeuge werden so genötigt und reihen sich brav hinter den Abbremsern ein. Geräumige Pickups ziehen dennoch über den Seitenstreifen vorbei, werden jedoch an der eigentlichen Verengung auf eine Fahrspur dann nicht reingelassen.
Komisch ist das schon, denn das Reißverschluss-Verfahren ist ja um ein Viefaches effizienter als dieses In einer Reihe-Anstehen.
In Coeur d'Alene verlassen wir die Interstate und wenden uns auf der US 95 nordwärts. Der französische Name der Stadt stammt von frankokanadischen Trappern, die mit den hier ansässigen Ureinwohnenrn verhandelten und über die unerbittlich feilschenden Indianer frustriert waren. Sie nannten sie "Coeur d'Alene", freiübersetzt "Die Hartherzigen", und der Name blieb.
Auf dem Weg nach Sandpoint kommt uns ein Güterzug entgegen; es ist aber schon zu spät und die Sonne zu tief, als dass sich eine Verfolgung zum Fotographieren lohnen würde. Schade, wieder eine Chance verpasst. In Sandpoint führt die Straße auf einer langen Brücke über einen Arm des Lake Pend Oreille und nach Sandpoint hinein, einem alten Verkehrsknoten.
Unser Hotel, das im Vorort Ponderay gelegen "Ruby", ist in sehr gutem Zustand. Auf dem Parkplatz müssen wir schmunzeln, der Mitarbeiter des Monats erhält hier einen eigenen Stellplatz in der Nähe des Haupteingangs. Wir haben ebenso Glück (des Monats), denn aus unerfindlichen Gründen war uns das Zimmer einen Tag zuvor ohne unser Wissen storniert worden; trotzdem ist ein Zimmer mit zwei Betten für uns verfügbar, und wir bekommen sogar die alte Rate.