Samstag, 12. Juli 2025

Sonntag, 07. Juli 2025 Long Beach WA - Depoe Bay OR

Nachdem draußen die letzten Stimmen verklungen und die letzte Joint-Schwade abgezogen war, haben wir eine erstaunlich ruhige Nacht verbracht. Kein Lärmen bis 7 Uhr, das hätten wir so nicht gedacht.
Für das Frühstück haben wir nach den bisherigen Erfahrungen in amerikanischen Hotels keine hohen Erwartungen. Am Eingang zum Frühstücksraum steht ein Kellner aus Pappe und hält die Speisekarte hoch, was die geschätzten Gäste an Genüssen erwartet. 
Die Realität sieht dann leider völlig anders aus: Ein liebloser heller Raum ohne Fenster, in dem einige Resopaltische mit zum Teil schmutzigen Stühlen stehen, das "Buffet" ist eine Mischung aus verpackten Fertigprodukten und Warmhaltegefäßen mit irgendwelchen aufgewärmten Inhalten, die einen Koch nur in Gestalt eines Fabrikmanagers gesehen haben. Obst oder Ähnliches Fehlanzeige, allenfalls der Kaffee ist akzeptabel. 
Meine Lieben versuchen tapfer, hier etwas Schmackhaftes zu finden, ich verwehre mich gegen diese gaumenverachtende Unverschämtheit und hole mir meine Haferflocken von QUAKER und einen Apfel aus dem Hotelzimmer. 
Wir verlassen dieses Hotel, bei dem die Kritiken bei Booking.com erheblich wohlwollender ausfallen als die Wirklichkeit, leichten Herzens. Dabei sind wir uns natürlich bewusst, dass dies nur die amerikanische Version eines Durchschnitts- Touristenhotels in Palma, Rimini oder Lloret de Mar ist und dass die meisten Gäste offensichtlich völlig zufrieden sind mit dem Angebot.
Einige Kilometer südlich von Long Beach liegt Cape Disappointment. Auf diesem südwestlichsten Zipfel von Washington steht ein Leuchtturm, der über der Mündung des Columbia River wacht. Von einem kleinen Parkplatz startet ein Trail, der uns nach kurzem Fußmarsch zum Lighthouse führt.
Von der Klippe hat man eine phänomenale Aussicht auf die Mündung des Columbia River und auf die Berge an der Küse jenseits des Flusses. Die Aussicht ist nicht selbstverständlich, denn hier herrscht an durchschnittlich 106 Tagen im Jahr dichter Nebel, was Cape Disappointment zu einem der nebligsten Orte der USA macht. Gleichzeitig ist die Mündung des Columbia River wegen der gigantischen Wassermassen, die hier ins Meer fließen und die eine immense Strömung und riesige Sandbänke verursachen, die gefährlichste Flussmündung Nordamerikas. Immerhin fließt hier die dreieinhalbfache Wassermenge des Rheins oder die neunfache Wassermenge der Elbe ins Meer.
Auch der Name des Kaps hängt mit dem Columbia zusammen: Der englische Händler John Meares erreichte 1788 die Mündung des Flusses, hielt sie irrtümlich für eine sichere Bucht, in die er jedoch wegen der Strömung nicht einfahren konnte.
Von all der Dramatik ist heute nichts zu spüren, friedlich im Sonnenlicht glänzend fließt der Columbia River ins Meer; auch die junge Beamtin der Coast Guard in ihrem Beobachtungshäuschen neben dem alten Leuchtturm hat einen ruhigen Dienst.
Wieder auf dem Parkplatz steigt nebenan ein Seniorenehepaar aus Colorado mit ihrem Golden Retriever aus ihrem Pickup. Hunde schaffen sofort Verbindung, Oskar will streicheln, wir erzählen, dass wir früher einen Labrador hatten, und schon entwickelt sich eines dieser netten Gespräche mit Amerikanern. Die beiden reisen viel mit ihrem Trailer, waren aber auch schon in Europa; Barcelona, Irland, Schottland, Süddeutschland zählen sie auf. Wir erzählen von unseren Reisen nach Amerika, und dass als nächstes vielleicht Kanada auf dem Programm steht. In Kanada seien sie auch gerne, aber das sei aktuell ja schwierig wegen der "derzeitigen Verhältnisse in Washington". Wir hätten auch kaum Kanadier gesehen, berichten wir. Ja, die kommen aus gegebenem Anlass dieses Jahr so selten, dass es in Maine und Florida schon Probleme in der Hotelbranche gäbe.
Es ist interessant zu beobachten, wie vorsichtig und verklausuliert die eigentlich unpolitischen Amerikaner ihre Meinung kundtun. Außer sie äußern sie ganz offensiv, ob mit einem Pro T-Shirt oder Hausdeko in unterschiedlichsten Ausführungen oder anti mit einem "Sucks"-Aufkleber am Auto.
Danach müssen auch wir den Columbia River überqueren. Die US 101 führt über die spektakuläre, sechs Kilometer lange Astoria Bridge. Wobei: Spektakulär ist eigentlich nur der letzte Kilometer kurz vor Astoria, wo sich die Brücke bis auf 60 Meter Durchfahrtshöhe erhebt, um auch großen Seeschiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Die fünf Kilometer davor führen als niedrige Brücke über eine Sandbank mit flachem Wasser.
Auf der Brücke herrscht Stau, von der Auffahrt auf der Washingtoner Seite bis hinüber nach Oregon, wo die Brücke in Astoria an einer normalen Ampel endet. Eine knappe halbe Stunde brauchen wir bis zur anderen Flussseite.
Auch in Oregon reiht sich Auto an Auto, es ist Sonntag und das Vierter Juli- Wochenende, alle wollen ans Meer. Durch das Seebad Seaside staut sich der Verkehr auf der 101 über viele Kilometer, das kostet uns noch einmal Zeit.
Der Betrieb wird erst weniger, als sie meisten Richtung Portland abbiegen.
Die Straße kommt bald wieder an die Küste. Dort ringen Nebel und strahlender Sonnenschein um die Oberhand, das fällt mal so mal so aus. Einmal bieten sich herrliche Ausblicke, zwei Kurven weiter ist kaum etwas erkennbar.
Im Badeort Rockaway Beach auf einmal Aufregung: Auf den eigentlich recht verrostet erscheinenden Schienen parallel zur Straße kommt uns tatsächlich ein Zug entgegen, und zwar ein Dampfzug der Oregon Coast Scenic Railroad. Susanne erkennt die Situation als erstes, ruft "Da kommt ein Zug", ich reiße die Kamera hoch und mache ein Bild. Sie hat direkt im Anschluss den Ford bereits gewendet und wir jagen dem Zug hinterher. Einen Kilometer geht es wieder zurück, dann lassen wir das Dampfross und die Waggons voller freundlich winkender Fahrgäste ein zweites Mal an uns vorbeirollen.
In der Käsehauptstadt Tillamook - hier ist das Zentrum der amerikanischen Cheddar- Produktion - werden wir der 101 untreu und wählen einen Scenic Byway direkt an der Küste.
Hier das gleiche Bild: Sonne und Nebel.
Am Cape Lookout kaum Sicht, am nächsten Cape dann alles frei.
Sehr gut gefällt uns Pacific City, ein Urlauberort in den Dünen mit gepflegtem Sandstrand und einem großen Felsmonolithen vor dem Strand.
Zurück auf der 101 gewinnt dann der Nebel. Wir fahren durch Lincoln City, eine eher unansehnliche Stadt, die durch den Dunst nicht an Glanz gewinnt, und versuchen kurz darauf am Viewpoint des Boiler Bay State Park noch einmal unser Glück. Aber auch hier ist alles grau in grau. 
Schließlich erreichen wir Depoe Bay. Wir haben im "The Inn at Arch Rock" reserviert, einem Gasthaus direkt an einer Klippe am Rande des Ortes. Unser Zimmer ist riesig und hat einen schönen Blick auf eine kleine Bucht, in der die Wellen hoch auf den Felsen auflaufen; es stehen am Fenster sogar zwei Ferngläser bereit. Leider zieht der Nebel auch in diese Bucht ein, und bald reicht die Sicht gerade noch bis an den ersten Felsen. 
Unsere Nachbarn sind zwei Motorradfahrer aus dem Schwäbischen. Wir tauschen uns kurz aus über die Erlebnisse bis jetzt, und registrieren erfreut, dass dies die ersten Deutschen sind, die wir seit dem Yellowstone National Park getroffen haben. Gestört hat uns dies nicht, die deutsche Amerika- Aversion dieser Zeit kann gerne noch etwas länger dauern. 
Wir machen es uns gemütlich, lassen den künstlichen Kamin im Zimmer Wärme spenden und erfreuen uns an dem Gedanken, dass das Wetter exakt so auch im Olympic National Park hätte aussehen können.

Samstag, 13. Juli 2025 Suisun City CA - San Francisco Airport CA

Der letzte Morgen in Amerika. Wir können kaum glauben, dass diese phantastische Reise heute zu Ende geht. Und wie schnell die Zeit vergangen...